„Gold oder Leben in der Region?“ – Vierte EAS-Ökologie-Konferenz über Rosia Montana mußte unter Polizeischutz tagen
Seit rund zehn Jahren gibt es nun schon die Diskussion über das Goldabbauprojekt der Firma „Gold Corporation“ in Rosia Montana. Dort liegen die größten Goldvorkommen Europas unter der Erde. Mit einem gewaltigen Tagebau will die rumänisch-kanadische Firma dort die Vorkommen ausschöpfen. Doch dazu muß das Dorf weichen, es müssen mehrere Kirchen abgerissen und Gräber verlegt werden. Eine der schönsten Karpatenlandschaften würde dauerhaft zerstört werden. Mehrere Berge müßten komplett abgetragen werden. Und es drohen als Konsequenz zwei riesige Schlackenbecken mit hochgiftigen Zyanidresten aus dem Abbauprozeß.
Die Evangelische Akademie Siebenbürgen (EAS) führte nun ihre mittlerweile vierte „Hermannstädter Ökologie-Konferenz“ zum Thema „Rosia Montana – El Dorado oder Apokalypse?“ in der EAS und in Rosia Montana selbst durch. Die Internationale Konferenz kam in Kooperation mit der Deutschen Bundessstiftung Umwelt (DBU) und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern als Partner zustande. Weil in Rosia Montana mit gewalttätigen Demonstrationen gerechnet wurde, fand die Konferenz vor Ort im Schutz einer Truppe der Bereitschaftspolizei statt. Die Bergarbeiter protestierten zwar, blieben aber friedlich, nachdem etliche Tagungsteilnehmer die Ausschreitungen gegenüber Prinzessin Margareta und hochrangigen Mitgliedern der Rumänischen Akademie der Wissenschaften nur wenige Tage vorher zu Beginn der Tagung scharf kritisiert hatten. Offenbar hatten die ferngesteuerten Bergarbeiter dieses Mal die Weisung bekommen, sich ruhig zu verhalten.
Hochrangige Gäste waren als Referenten oder Teilnehmer in die EAS gekommen, darunter der Präsident der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Ionel Haiduc, der orthodoxe Erzbischof Andrei von Alba Iulia und Noemi Nemes von „Greenpeace“ aus Ungarn, auch der Umweltbeauftragte der bayerischen Landeskirche, Kirchenrat Gerhard Monninger. Dazu zahlreiche Umweltaktivisten wie Stefanie Roth und Eugen David von „Alburnus maior“, die vor Ort oder von anderer Stelle aus seit Jahren gegen das Projekt kämpfen. Rund 100 Teilnehmer aus Rumänien, Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Bulgarien verfolgten gespannt die Diskussion um „Gold oder Leben in der Region“, wie es ein Konferenzteilnehmer in einem Redebeitrag formulierte. Der Festsaal der Akademie platzte am ersten Tag aus allen Nähten.
Die Kirchen stellen sich mittlerweile klar auf die Seite der Gegner des Projekts. Sowohl die ungarischen Bischöfe Siebenbürgens haben eine dementsprechende Erklärung abgegeben, als auch die Heilige Synode als Bischofskonferenz der Rumänischen Orthodoxen Kirche. Daß Greenpeace und andere Umweltorganisationen auf nationaler wie internationaler Ebene dagegen kämpfen, ist bekannt. Und auch die Rumänische Akademie der Wissenschaften hat sich eindeutig gegen das Projekt ausgesprochen. „Wir haben mit dieser Konferenz versucht, für die Öffentlichkeit ein deutliches Zeichen zu setzen, wie breit der Widerstand gegen dieses Projekt schon ist und versuchen, die Gegner zu vernetzen. Vor allem die langfristigen Gefahren durch die Zyanidanlagerungen nach dem Abbau sind das entscheidendste Argument gegen dieses Goldbauprojekt“, faßte Akademieleiter Pfarrer Dr. Jürgen Henkel das Anliegen dieser EAS-Konferenz zusammen. Die Gold Corporation nahm die Konferenz durchaus ernst. Sie schickte offizielle Sprecher. Aber auch einige Störer der Veranstaltung durch Zwischenrufe und laustarke Wortmeldungen gehen als bezahlte Mitarbeiter der Gold Corporation wohl auf deren Konto.
Erzbischof Andrei von Alba Iulia sprach sich eindeutig gegen das Projekt aus und verwies dazu auf den Beschluß der orthodoxen Bischofskonferenz: „Unsere Kirche ist dagegen, weil das Projekt den Abriß oder Umzug von Kirchen und Friedhöfen beinhaltet. Außerdem wünschen wir, daß die Region landschaftlich intakt bleibt. Gott hat alles gut geschaffen, der moderne Mensch zerstört es. Die Kirche darf nicht schweigen, wenn der Mensch so brutal in die Natur eingreift.“ Patriarch Teoctist wandte sich in einer von Patriarchalrat Prof. Dr. Nicu Octavian verlesenen eigenen Grußadresse an die Konferenzteilnehmer und sagte, seine Kirche bete dafür, daß dieses für Natur und Mensch so gefährliche Vorhaben nicht verwirklicht werde.
Der Präsident der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Ionel Haiduc, machte deutlich: „Solange unsere Bedenken nicht ausgeräumt sind, wird die Rumänische Akademie gegen dieses Projekt sein. Die Kollateralschäden sind nicht zu verantworten.“ Er nannte unter anderem die Zyanid-Schlacken infolge des Abbaus, aber auch die Zerstörung der römischen Bergbaustollen aus der Antike als einen Grund für die Ablehnung des Projekts. Der Bergbauingenieur Aurel Santimbreanu aus Rosia Montana und der Archäologe Prof. Dr. Horia Ciugudean vom Museum „Unirea“ aus Karlsburg zeigten mit Vorträgen und bei einer Stollenbegehung vor Ort, welche archäologischen Schätze dieses Projekt zerstören würde. „Es sind einzigartige Zeugnisse des römischen Berbgaus, die hier zu besichtigen sind. Nirgendwo in Europa ist ein solches vergleichbares Monument zu sehen.“
Mehrere Redner wiesen darauf hin, daß dieses Projekt nicht dem öffentlichen Gemeinwohl, sondern höchst privaten finanziellen Interessen dient. „Das ganze Land ist von diesem Projekt betroffen. Unser europäisches Kulturerbe ist unbezahlbar und kann durch Erinnerungsfotos in Museen nicht ersetzt werden“, brachte ein Bukarester Teilnehmer seine Kritik auf den Punkt.
Die Gold Corporation präsentierte sich als „Truppe netter Jungs von nebenan“. Die Sprecher der Firma kamen ausgiebig zu Wort. Es wurde auch deren „Informationszentrum“ besucht. Klare Antworten auf klare Fragen indes waren nicht unbedingt zu erhalten. Zu der Zahl der abzureißenden Kirchen äußerten sich die Firmensprecher so ausweichend wie zu den Gefahren der Zyanid-Schlackenbecken. Dabei ist Zyanid hochgiftig. Und in Rosia Montana ist der größte offene Tagebauwerk überhaupt geplant. Die giftigen Schlackenreste betragen ein Vielfaches dessen, was 2000 bei dem Unfall in Baia Mare die Region und die Theiß verschmutzt hat. Noemi Nemes von Greenpeace Ungarn zeigte auf, daß dieses Projekt rund zehn EU-Richtlinien und internationale Umweltstandards und –Konventionen verletzt. „Ganz Ungarn ist dagegen, wenn hier ein weiteres Baia Mare entstehen soll“, so Nemes.
Die Gold Corporation hat in den letzten Jahren versucht, vollendete Tatsachen zu schaffen. Es wurden Häuser gekauft und diejenigen, die bleiben wollen, eingeschüchtert. Eugen David von der Umweltorganisation „Alburnus maior“, die gegen das Projekt kämpft, sagte entschlossen: „Wir wollen unsere Heimat nicht verlassen. Mein Hof wird nie einer politischen Entscheidung unterliegen. Und solange das nicht zu einem Projekt öffentlichen Interesses erklärt wird, kann uns auch niemand von hier vertreiben. Rund 80 Prozent der Bevölkerung haben dem Druck schon nachgegeben und verkauft. Wir kämpfen bis ans Ende. Ich werde meinen Hof nicht verlassen.“ Die Gold Corporation habe nicht mit dem entschlossenen Widerstand und Opposition überhaupt gerechnet, so David.
Daß es vom Öko-, über Natur- und Kulturtourismus bis hin zum Erholungstourismus für die Region durchaus Alternativen für eine nachhaltige Entwicklung gibt, zeigte der Bukarester Journalist Ion Longin Popescu, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt. In Rosia Montana fand die Konferenz übrigens in einer Unitarier-Kirche statt. Postwendend wurde der Pfarrer von Beförwortern des Projekts bedroht. Die Konferenzteilnehmer besuchten auch den Hof von Eugen David, den dieser im Moment zu einer Pension ausbaut – in guter Hoffnung…
„Unsere Konferenz hat gezeigt, welche großen Gefahren und Zerstörungen von Natur und Kulturgut dieses Projekt mit sich bringt. Es handelt sich nicht mehr um ein lokales Vorhaben, sondern ganz Europa schaut darauf, ob hier milliardenschwere wirtschaftliche Interessen oder die Vernunft, Natur- und Umweltschutzstandards sowie die Achtung vor Kirchen und der Totenruhe siegen.“ Mit diesen Worten bilanzierte EAS-Akademieleiter Pfarrer Dr. Jürgen Henkel die Konferenz. Kirchenrat Gerhard Monninger aus München sagte als Mitveranstalter zum Abschluß als Fazit seiner Eindrücke: „Aus dem hier Gehörten und Erlebten kann man nur sagen, daß dieses Projekt unverantwortlich ist und unabsehbare soziale, kulturelle und ökologische Schäden hinterläßt.“
Sollte die Rumänische Regierung dem Druck weichen und die Lizenz erteilen, wollen sich die Gegner auf europäischer Ebene zusammenschließen und dagegen klagen. Die EAS will sich daran anschließen. Die Gold Corporation droht indes der Regierung bereits jetzt angesichts ihrer bisherigen Investitionen mit einer Klage auf mehrere Millionen Euro Schadenersatz.
CHRISTIAN HARTWIG
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