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  • Jeder Tag ein Bild – Tägliche Kultur mitten am Rande Europas
Written by Joachim F. Cotaru08/09/2004

Jeder Tag ein Bild – Tägliche Kultur mitten am Rande Europas

Cultura Article

Warum niemand mehr im Dorf Marmelade mache, frage ich. Die Holländer mit ihren Lkws voll Hilfsgütern würden ja wieder kommen, antwortet die Nachbarin. Manche waschen gar nicht mehr ihre Wäsche, sondern verbrennen sie, wenn der Haufen groß genug ist. Aer curat şi apă bună – saubere Luft und gutes Wasser – hätten sie, sagen Alte wie Junge und schütteln den Kopf, wenn ihnen jemand eine chemische Analyse zeigt, die das Gegenteil behauptet. Wir haben das immer getrunken, uns geht’s gut. Während ein netter Herr mittleren Alters eine Handvoll Düngergranulat neben seine Kartoffel in die Erde legt, versichert er ernsthaft: „100 Prozent biologisch.“

Rumänien, Land voll widersprüchlicher Bilder. Ich bin nun das dritte Jahr hier in einem Dorf Siebenbürgens. Die Gegend ist geschlagen von Abwanderung, vergessen von der Politik, besucht von wenigen – doch grundverschiedenen – Reisenden – und schlägt sich, wie der weite Rest des Landes, mit etlichen Problemen herum.

Dabei ist das Land reich. An Bergen und Flüssen, an Geschichte und Geschichtchen, an allein neunzehn anerkannten verschiedenen Volksgruppen. Ein Herzstück Europas soweit. Reich ist das Land auch an Bodenschätzen. Die wurden schon während der mythischen Epoche der Dacia Traiana aus dem Boden gerissen, dann kam der Schusterlehrling an die Macht und zerriß Rumänien im Modernisierungswahn. Heute wollen großformatige Geschäftemacher das letzte Gold aus dem Land holen und ihm dafür eine Wüste lassen.

Auf Boden, Luft, Wasser und ihr Land sind die Menschen in Rumänien stolz. Beste Ausgangslage, sollten die Betrachter meinen. Doch selbst in diesem Dorf, wohin die Polizei per Anhalter kommt, bleiben die Menschen sich selbst verfangen.

Das Holz ist alle. Hol neues aus dem Wald, damit es reicht für eine Woche. – Planung? Vorausdenken? Nix. Jemand hat es mir so zu erklären versucht: Die Menschen hier leben in einer zweidimensionalen Welt. Jeder Tag taucht morgens unverhofft vor dem Gesicht auf wie ein gemaltes Bild. Wenn der Tag zu Ende ist, wird dieses Bild zur Seite gelegt, vergessen, und am nächsten Tag kommt ein neues. An das Gestern erinnern sich die Menschen nur vage; das Morgen ist eine große Unbekannte, als Ahnung vorhanden wie vielleicht der Gekreuzigte auf Dalis Bahnhof.

Die Verklärtheit beim Klange des Wortes Zigeuner, das Ideal vom Fischer irgendwo am Schwarzmeerstrand, der Traum vom Leben in den Tag hinein. Naivitäten von dort, wo die Roma ungezählt abgeschlachtet wurden und nur bei Nacht die Grenze überqueren. Von Menschen, die sich lächelnd in die Mühlräder der Leistungsgesellschaft begaben und ihr Gehalt Assigurantenhändlern in den Rachen werfen. Ich lebe mit dem Andern in einem Dorf und doch in verschiedenen Welten. Die Sprache überwindet diese Hürde nicht. Kultur geht ihre eigenen Wege. Der Wille, sich verstehen zu wollen, sichert lediglich das Nebeneinander. Miteinander geschieht zum gegenseitigen Vorteil, oft am Rande dessen, was anderswo kriminell ist. Die Hoffnung schaffenden Ausnahmen sind Kinder langen Beharrens, Dickköpfigkeit und Vertrauen ihre ungleichen Eltern.

Die Sicherung des Hauses ist defekt; gewechselt werden darf sie nur vom Stromlieferer. Immerhin kommen die Elektriker zur versprochenen Zeit. Punem pe direct, wir überbrücken’s, meint der eine und gerät in Rage auf die Antwort hin, daß dies wohl nicht die geeignete Lösung sei. Schließlich wolle er uns Strom geben und dann sollten wir doch über unkonventionelle Hilfe froh sein! Es folgt ein unkonventioneller Rausschmiß, die zahllosen Bilder von zu Asche gewordenen Häusern und Menschen infolge ungesicherter Kreisläufe vor Augen.

Schon ist Rumänien gegossen in Brüsseler Zahlenkolonnen. Eine Sprache, in der Wissenschaft begründet, nicht zu korrumpieren. Hier jedoch werden Zeit und Raum von Hand gebogen. Die Realität folgt den gewünschten Zahlen. Das Land hat – für den EU-Standard – zu viele Kinderheime, Zeugen der gesellschaftlichen Realität. Sie werden geschlossen, aufgelöst und vergessen, bis die Zahlen stimmen. Wo weite Teile der Gesellschaft subsistent leben, ist jede Statistik ein Hohn. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt auf dem Land, schlägt sich durch. Sie fällt dem Staat zum einen nicht auf, zum andern nicht zur Last. Der deutsche Grüne, der ein besseres Gesundheitssystem für Rumänien wünscht, nimmt dafür billigend in Kauf, daß die zahllosen Kleinsthöfe nach einem möglichen EU-Beitritt nicht überleben werden. Daß dann perspektivisch ein Drittel der Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt wird, interessiert solche Architekten höchstens marginal. Der freie – und arme – Bauer sagt, daß er mit seinen zweieinhalb Hektaren auskomme. Über seine Rente von zwanzig Euro nur lacht er bitter: für die urbanen Herrscher in ihrem Fortschrittsglauben liegt er schon lange unter seinem Feld.

Das ist kein Abgesang. Es ist die zaghafte Liebe zu einem Land, wo diese sich für einen Euro verkauft. Die letzte Landschaft Europas, deren Form noch vom Mittelalter geprägt ist: die weiten Dorfanger, die Allmenden oberhalb der Orte, die Architektur wie die Arbeitskleidung. Die morgens aus- und abends wieder einziehenden Viehherden. Die căruţa, der Pferdewagen, als häufigstes Verkehrsmittel.

Und doch liegt das Land mitten in unseren Tagen – der Multi Bechtel soll eine Autobahn mitten durch diese Region bauen. Auftrag erteilt per Dringlichkeitserlaß der Bukarester Regierung. Viele Arbeitsplätze soll das Projekt bringen, ein Brückenschlag sein. Das vielbemühte Motiv läßt die Frage offen, was unter der Brücke geschehen wird: Die gigantische Trasse wird ein Land zerschneiden, Dörfer voneinander trennen. Abfahrten, geschweige denn Auffahrten, brauchen die Menschen hier nicht. Der Verkehr wird an ihnen vorbeirauschen, sollte der Plan in die Realität umgesetzt werden. Profiteure mit guten Verbindungen haben sich rechtzeitig die Trassengrundstücke ergattert, um sie nun zum höchstmöglichen Preis an Bechtel verkaufen zu können.

Ebenso liegt das Land in der Geschichte. Bei den Kommunal- und Kreisratswahlen Anfang Juni wählte die Bevölkerung in Stadt und Kreis Hermannstadt/mehrheitlich Sibiu das Demokratische Forum der Rumäniendeutschen. Die Mikrominorität an der Spitze, die Gründe dafür bedürfen der Untersuchung. Viele hier meinen den Johannis-Effekt zu spüren, der durch die unbestreitbare Kompetenz des Hermannstädter Bürgermeisters und seiner Mitarbeiter in den vergangenen vier Jahren aufgebaut werden konnte. Doch warum wählte die rumänische Mehrheit selbst in Dörfern, wo seit Jahren kein Sachs’ mehr lebt, das Forumul German? Vielleicht eine siebenbürgische Variante des ostdeutschen Gellens nach der D-Mark, eventuell die selbstbewußt erteilte Abfuhr an die führenden Parteien. Wo aber rumänische Sprache und Kultur über Jahrhunderte in den Schatten gedrängt wurden, stimmen einzelne Stimmen bedenklich, die alleine den Sachsen ein verantwortliches Regieren der Region zutrauen.

…Dieses alte Haus im Zentrum des Dorfes, das älteste vielleicht aus dem Hin und Her von Besiedeln, Abbrennen und Wiederaufbauen. Ein kleiner Versuch, das Heute mit dem Gestern zu verbinden. Nur eine Handvoll der Dörfler ist bereits hier geboren; die komplette Umstrukturierung der vergangenen Jahrzehnte hat ihre Spuren hinterlassen. Was reparierst du dieses Haus? Stricaţi şi faceţi nou, reißt es ab und baut neu! – Aber unsere Dörfer sind einzigartig, der Beton eurer Baustellen frißt euch doch alle auf… – Omule! Das ist die neue Zeit, jetzt macht jeder, wie er will, fiecare cum vrea.

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