Vom Schreiben als Befreiung

Hajrija Hrustanovic stammt aus einem in Bosnien. Mit ihren Kindern flüchtet sie zu Beginn des Krieges nach Österreich und findet in einem Gasthof. Dort unterstellen ihr die Eigentümer einen Diebstahl. Das Trauma dieser Kränkung zwingt sie eines Tages dazu, ihre Geschichte niederzuschreiben.

Als eine Rechtfertigung bezeichnet Hajrija Hrustanovic das Ergebnis. Die Tochter einer frommen Muslimin und eines Kommunisten geht zurück in ihre Kindheit. Ihren Glauben praktizieren sie heimlich – der Vater duldet nicht einmal die Schlachtung eines Opferlamms. Er selbst jedoch steckt im persönlichen Zwiespalt, wenn er einer überlieferten Diktion nicht entfliehen kann: „Sie passt nicht in dieses Haus. Sie weiß nicht, wie man die Gebete verrichtet.“ Mit diesen Worten verstößt das Parteimitglied seine ältere Tochter, die gegen seinen Willen den Sohn einer gläubigen Familie heiratet. Hajrija Hrustanovic, die jüngere, beobachtet ihre eigene Biographie. Sie beugt sich den Restriktionen, den Demütigungen, die sie von klein auf an erfährt. Es scheint, als versuche sie unter ihrem eigenen Leid hindurchzutauchen. Und Hajrija Hrustanovic führt ein schweres Leben; bis zu jenem Ereignis im österreichischen Exil duldet sie es jedoch. Auch das macht dieses Buch so besonders: ein Frau stellt sich gegen das ihr widerfahrene und widerfahrende Unrecht – eine bosnische Muslimin, Zeitgenossin. Zeile für Zeile dringt ihre Intention durch, die Dinge jetzt nicht mehr auf sich beruhen lassen zu wollen.

Die Edition Niemandsland ist eine Perle im Programm des deutsch-slowenischsprachigen Drava-Verlags aus Klagenfurt/Celovec. In den vergangenen Jahren stieg dieser aus seinem Nischendasein und verfügt über eine ganz besondere Palette an Publikationen, an die sich nicht viele Häuser wagen würden.“Nichts ist vergangen“ sticht besonders hervor. Hajrija Hrustanovic hat das Schreiben nicht gelernt. Sie muß schreiben, als ihr kein anderer Ausweg mehr bleibt. Kein Therapeut hat ihr dies zuvor empfohlen. In seinem Vorwort schreibt Karl-Markus Gauß, daß Hajrija Hrustanoviæ im Garten mit ihren Aufzeichnungen beginnt. Ihr Sohn bringt ihr mehrere Kalender einer Bank. Sie schreibt und hört erst nach neun Tagen damit auf. Es ist ihre Geschichte – die Wahrheit, wie sie eingangs betont. Als flöge sie durch eine Schlucht, wechselt sie unvermittelt Zeitformen und Erzählperspektiven. Immer jedoch zieht sie den Lesenden mit sich. Ihre Geschichte ist eine Kette von schlüssigen Assoziationen und so gelingt es Hajrija Hrustanoviæ, ohne Schwierigkeiten durch ihren biographischen Canyon zu gelangen. Am Ende des Schreibens steht die simple Erkenntnis, sich einfach wieder etwas besser zu fühlen. Für die Autorin ist wieder spürbar – mit dem Erlös aus dem Verkauf ihres Buches will sie in ihrem Dorf die zerstörte wiedererrichten lassen.

„Nichts ist vergangen“ ist eine wahre Erzählung. Der Bosnienkrieg ist hier ein Ereignis neben anderen. Der Tod, die Zerstörung steigt zwar in einigen Bildern auf – aber Hajrija Hrustanovic leidet mehr an ihren eigenen seelischen Massakern. Das Buch ist ihre persönliche Befreiung. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, daß diese Frau protestiert und die Schmerzen nicht hinnimmt. So ist es die Authentizität, die ohne voyeuristischen Beigeschmack das Buch zu einer der selten gewordenen Erzählungen unserer macht.

Hajrija Hrustanovic: Nichts ist vergangen. Eine Bosnierin erzählt. Mit einem Vorwort von Karl-Markus Gauß. Aus dem Bosnischen von Michael Schreckeis. Br., 144 Seiten, 14 Euro. Edition Niemandsland, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2002.

[Drava-Verlag Klagenfurt/Celovec (A)]

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