Selbstwert Sarajevo

Richard Schuberth nimmt in seinem Theaterstück „Freitag in Sarajevo“ all jene aufs Korn, die sich während der siége in die bosnische Hauptstadt begaben, um ihre kleinen kulturellen Scharmützel zu führen. Er beläßt es nicht bei Andeutungen und nennt die Belagerungsromantiker beim Namen.

Irgendwann während der Belagerung Sarajevos. Oben auf den Bergen die Belagerer. Unsichtbar in den Häusern die Scharfschützen. Die Verteidiger der Stadt mit jenen im Kampf um Nahrung, Videorecorder, Kameralicht und ethnische Reinheit. Permanent in Deckung vor allen Kugeln, in dunklen Zimmern – die waffenlose Mehrheit. Dazwischen die westlichen Belagerungsromantiker, mit ihren Geschützen auf jeden zielend.

„Du verdammter Narr! Warum kommen dir die Weisen, die man hier singt, so fremd vor? Warum sagst du nicht: „Sie spielen unser Lied, Darling?“ Schau dir dieses genau an. Siehst du nicht dein eigenes hässliches Spiegelbild darin?“

Zehn Jahre später. Diesmal legt Richard Schuberth auf die Kulturideologen von einst an. In seinem Theaterstück „Freitag in Sarajevo“ nimmt er jene aufs Korn, die während der siége sich in die bosnische Hauptstadt begaben, um ihre kleinen kulturellen Scharmützel zu führen. Schuberth beläßt es nicht bei Andeutungen – er nennt sie beim Namen. Fiona Freitag alias Susan Sonntag, die in Sarajevo Becket inszenierte. Henri-Bernard Lévy und andere vereinen sich in der Figur des Jean-Pierre Léaud. Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker tritt auf als Hanuman Knülch, der alles ethnisierend seinen Opfern nacheilt.

„Du, Maama? – Ja, Klein-Hanuman? – Wenn ich aufwache, möchte ich, dass es eine neue Weltordnung gibt, in deren Statuten steht, dass niemand mehr Konzentrationslager-Hanuman zu mir sagen darf. – Niemand wird es wagen, dich zu schlagen, mein Junge.“

Wo auch immer Schuberth seine Sarkasmen ausschüttet über die Protagonisten des Selbstbestimmungsrechts der Völker – es folgt im Text die Ideologie in Originalzitaten. Er zeichnet den Wahnsinn eines Krieges nach, in dem mittels ethnischer Argumente gerafft und neu verteilt wurde und sich Kriegstouristen mit Worten in die Schlacht stürzten. Bisweilen wirkt Schuberths Abrechnung in ihrer Dichte wohl überladen – doch sie ist lange nicht so breit, wie das Bombardement der Bilder, Worte und Kugeln zusammen, das während des Bosnienkrieges Grundstein für die Ideologisierung Europas zur friedliebenden Interventionsmacht war. Nicht umsonst ruft Freitag/Sonntag noch aus der Vorstellung im Hauptquartier an, der Bombenhagel müsse exakt am Ende des Stückes beginnen.

„Was mir an der Sache nicht geheuer ist: Wo sind die richtigen Einwohner Sarajevos? – Dort an der Uferstraße sieht man sie. Sie laufen mit weißen Plastikkanistern und werfen sich alle paar Meter zu Boden. Da seht hin, eine winkt uns zu. Uuhuuu! Halte durch Sarajevo. Wir befreien dich! We’ll release you!”

Tilman Zülch reagierte bereits mit erbosten Anrufen auf das Erscheinen von Schuberths Stück bei der Verlagsleitung. Was noch kommt, steht aus. Der Abrechnung des Autors mit den Kulturalisten ging deren Mission voraus, die sich später in allen sogenannten humanitären und präventiven Interventionen manifestierte. Sarajevo war nur ihr Probelauf. Die Aufführungen: Kosovo, Makedonien, Afghanistan, Irak… Fortsetzung folgt.

Richard Schuberth: Freitag in Sarajevo. Eine Tragikomödie. Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2003.

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