Rumänische Zivilgesellschaft heute

Gern stimme ich der berührenden Retrospektive auf andere Zeiten in Rumänien von Ana Blandiana zu. Die Anwendung dieses Rückblicks auf die Gegenwart hingegen muß befremden. Hat die Autorin noch nichts gehört vom Kampf um rumänische Natur, und ,der vor 13 Jahren im Rosia Montana/Westkarpaten begann und sich gegen den kanadisch-rumänischen Bergwerkskonzern Gabriel Resources wendet, der in zwei Jahrzehnten 300 t zu je 1,3 g pro einer t Gestein aus dem sogenannten Erzgebirge heraussprengen und -spülen will mit hochgiftigem Zyanid? Die Kultur dieser Gegend reicht zurück bis in die Römerzeit. Rumänische Bauern, Kirchen und traditioneller Bergbau existieren hier seit Jahrhunderten. Mit diesen Menschen, ihrer Natur und Kultur haben sich große Teile der rumänischen Gesellschaft solidarisiert.Die landesweiten Proteste erreichten im Herbst 2013 mit täglichen Demonstrationen ihren Höhepunkt und zwangen die Regierung zu peinlichen Schachzügen bei entsprechenden Gesetzesvorhaben. Die Demonstrationen galten zugleich der Ablehnung von Voruntersuchungen zum Abbau von Schiefergas, dem Fracking. Brutale Polizeieinsätze bis hinein in die Wohnstuben der Bauern des siebenbürgischen Dorfes Pungesti z.B. sollten den Widerstand brechen. Inzwischen hat die Polizei diese Ortschaft zu einer Sonderzone erklärt, die niemand ungehindert betreten darf. Weihnachten haben 40 Personen hier einen Hungerstreik begonnen.Damit wollen sie ihren Grund und Boden als Privatbesitz schützen; denn Rechtanwälte können diese Kleinbauern nicht bezahlen. Während westliche Regierungen und ihre Medien die Leserschaft im Stile des Kalten Krieges an russischer und ukrainischer Opposition reichlich teilhaben lassen, wird über den Widerstand der rumänischen Zivilgesellschaft weitgehend geschwiegen. Sie hat nämlich das energiepolitische Pech,sich beim „Frack off!“ mit dem Konzern Chevron anlegen zu müssen. Auf ihm ruhen die Hoffnungen der westlichen Staaten, ihren Wohlstand mit Hilfe dieser Art Energiequelle zu retten. Also no comment.Daran ändert auch die Deutsch-Rumänische Parlamentariergruppe nichts. Wieso eigentlich nicht?

Die Bewegung dieser neuen rumänischen Zivilgesellschaft umfaßt Studierende,Lehrer, Theologen, Umweltaktivisten, Bauern, Künstler, Ingenieure, Arbeitslose , Pensionäre – und immer wieder Frauen, junge und alte, Hausfrauen, Managerinnen, Geschäftsfrauen. Ich habe Menschen mit Ikonen demonstrieren sehen und ebenso einzelne Personen mit einer Nationalfahne. Die Leitung der siebenbürgischen vorwiegend deutschsprachigen reformatorischen Christen hat sich mit einer offiziellen „Erklärung des Landeskonsistoriums und der Landeskirchenversammlung der Evangelischen A.B. in Rumänien gegen die Goldförderung mit Zyanid in Rosia Montana und Schiefergaserkundungen und-abbau“ diesem Aufbruch angeschlossen („Landeskirchliche Information“. Beilage zu: „Kirchliche Blätter“ Dez. 2013 Nr. 12/41.).

Die rumänische Zivilgesellschaft geht ihren originären Weg und meldet sich zu Wort zwischen Facebook und Straße. Die Gesichter der jungen Mutigen und ihrer älteren Verbündeten waren keineswegs „Gesichter von Besiegten“, „die man heute auf den Straßen oder im Fernsehen sieht“ , keine Gesichter von Leuten, „die niemals gekämpft haben“, wie Frau Blandiana sie anscheinend nur trifft. Hier zeigen sich Menschen im aufrechten Gang, nicht mehr beim Üben desselben, sondern im argumentativen Widerspruch. Sie wissen, daß sie noch einen langen Weg vor sich haben.

Gern überlasse ich Ihnen auf Anfrage entsprechende Fotos.

Anm.: Der Leserbrief wurde als Reaktion auf einen Text von Ana Blandiana in der FAZ vom 28.12. 13, S. 35, verfasst und ist dort in gekürzter Fassung am 4.1.2014 erschienen.

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