Reise zu den Opfern Großeuropas

Karl-Markus Gauß unterwegs zu vergessenen Kulturen.

Wer schon ahnt in Deutschland mehr von den Lausitzer Sorben als ein vage aufsteigendes kahnstakender Trachtenträger im Spreewald? Denen muß es ja gut gehen, sagt der Mehrheitsdeutsche und lehnt zufrieden zurück. Die albanisch sprechenden Arbëreshe in Kalabrien? Jüdische Sepharden in Sarajevo? Aromunen, Ruthe-nen? Rumäniens Siebenbürger oder die Gotscheer in Slowe-nien – deutsch außerhalb des germanischen Monolithen? – Nein, bitte nicht, das geht zu weit.

Karl-Markus Gauß ist Salzburger Publizist und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik. Bereits 1997 stellte er in dem Buch „Das Europäische Alphabet“ seine Vision eines Europa vor, das sich dem Nationalismus ebenso entgegenstellt wie den Plänen von einem vereinten europäischen Einheitsstaat. Der Nationalist sei immer der Litauer, behauptet er. Wo der Muttersprachler ei-ner kleinen Zunge unseres Kontinents sich dagegen wehrt, frei-willig und immer eine der Mehrheitssprachen zu nutzen, wird er sicherlich von einem Franzosen, Briten oder Deutschen des Natio-nalismus bezichtigt. Diese Arroganz der Millionensprachen gegen-über den nur wenig gesprochenen weist Gauß nun in seinem jüngs-ten Buch „Die sterbenden Europäer“ anhand des staunenden Lesers selbst nach.

Er sucht nach den sephardischen Juden in Sarajevo, die während der Belagerung der Stadt ihr einstiges Exil nach 500 Jahren im Geleitschutz der Blauhelme verließen. „Die Juden gingen, weil es für sie keinen Sinn hatte, dort zu bleiben, wo der Nationalismus regierte“ hält Gauß fest und daß Bosnien seit dem Verlust seiner sephardischen Kultur ohnehin nicht mehr existent sei.

Slowenien: So wie ich selbst einmal, sieht sich Gauß plötzlich, mitten im Walde, in einem Dorfe stehend. Die karge Region um Ko-cevje im Osten Sloweniens bevölkerte einst auch die der Gotscheer. Diese Gruppe war ihres Bestehens eine Min-derheit und zerrieb sich in des Nationalsozialismus. Die etwas mehr als eintausend Verbliebenen sind als „Altösterrei-cher“ auch dieser Zeit Ziel eines Pokers um die autochthonen Minderheiten unter anderem durch Kärntens Landeshauptmann Hai-der. Wie so oft, wären die von irgendeiner ethnisch-kulturellen Reinheit schwadronierenden auch angesichts der Gottscheer Wirk-lichkeit verschreckt. Gauß erinnert sich an das „Altsiedler Mu-seum in Pöllandl – slowenisch: Polanje:

„Gerne führte uns Maritza uns hinüber ins Museum, das eigentlich aus zwei Rumpelkammern bestand, die sie ungeordnet vollgeräumt hatte und in der sie alles aufbewahrte, was ihr nur irgendwie vom Leben in der Gottschee zu zeugen schien. (…)Frei von jeder konservatorischen Skepsis sammelt Maritza schon lange, was ihr jene Welt, aus der sie kam und in der sie lebte, zu repräsentie-ren schien. So fanden wir in ihrem Altsiedler Museum Streich-holzschachteln aus der Schweiz neben Unterhaltungsromanen aus Wien und hunderterlei Zeug, das nichts spezifisch Gottscheeri-sches an sich hatte. Und doch war es Teil von Maritzas Leben und darum würdig, in diesem Museum aufgehoben zu werden.“

Das Gottscheer Völkchen überlebte in der kargen Region überhaupt nur durch einen intensiven Wanderhandel, der die Männer bis nach Deutschland führte, ohne daß sie deshalb mit nationalen Phantas-men beladen zurückkehrten. An ihnen zeigt sich eindrücklich, wie Kulturen zugrunde gehen, wenn sie dem nationalen Sog nicht wi-derstehen:

„Die Gotscheer waren stets eine kleine Völkerschaft, aber ihre Lieder sangen nie von einem mächtigen deutschen Vaterland“. An-dererseits zeitigte bereits der slowenische Nationalstaat Fol-gen: „Die Jugendlichen von 1941, die auf dem Foto zu sehen sind, wie sie sich vor der Aussiedlung zum letzten Mal auf dem Fried-hof versammelten, konnten bereits besser Slowenisch als Deutsch, und ihre Gottscheeberer Mundart war für Besucher aus Österreich und Deutschland kaum verständlich.“

Nicht vergessen werden dürfen natürlich die weiteren Kapitel in Gauß’ Buch. So schildert er sehr bildhaft die albanischen Ar-bëreshe in Süditalien. Mit spürbarer Skepsis macht er sich auf in die ostdeutsche Lausitz, wo die sorbische Minderheit zu Hause ist. Bis heute trennen die Sorben von einer wirklichen Anerken-nung in ihrerm Heimatland nicht nur immer neue Braunkohlerevie-re; bis heute müssen sie in ihren Papieren eingedeutschte Namen führen. Und schließlich folgt der Bericht über die Aromunen Ma-zedoniens, bei denen Gauß zwischen sich spinnefeinden Vertretern dieser „verschwundenen Nation“, wie er sie nennt, pendelt.

Nicht die traditionale Beschreibung irgendeiner überkommenen Ethnie ist es, die Gauß’ Buch so lesenswert macht. Nicht der folkloristische Kult um die Anderen, Armen, Unterlegenen fesselt an jedes einzelne Kapitel. Karl-Markus Gauß zeichnet vergessene Randregionen auf den Karten unseres Europa nach und kommentiert die verschiedenen politischen Bekenntnisse aus kosmopolitischer Perspektive. Was er da in unser entkerntes Gedächtnis zurück-holt, ist Futter für den Streit um eine Gesellschaft, die sich auf dem Weg nach vorn nicht ihrer Identitäten entledigt sondern Platz für Einheit in Vielfalt bietet.

Karl-Markus Gauß: Die sterbenden Europäer, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2001.

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