Ein Kind des hiesigen Geschichtsdiskurses: PSD-Sprecher leugnet Holocaust

Vorgestern abend liess der Sprecher der rumänischen Sozialdemokraten, Dan Şova, eine altbekannte Katze aus dem Sack: In seien „nur“ ein paar ermordet worden und zwar von Deutschen.[1] Da ist also wieder einmal die Behauptung, es hätte gar keinen in Rumänien gegeben. Dass sich die nationalistische Geschichtsschreibung im Lande gerne von der Tatsache reinwaschen möchte, dass nahezu die Hälfte der rumänischen Juden ermordet wurde, ist bekannt.[2]

Bedenklich ist vielmehr, wie sich der Diskurs selbst bei der post-1989er Generation niederschlägt: Şova ist noch keine vierzig Jahre alt; der Senator wurde erst Ende Februar zum PSD-Sprecher ernannt. Was er da von sich gegeben hat, sind die Standards der rumänisch-nationalistischen Geschichtsschreibung:

  • „Auf rumänischem Gebiet hat kein Jude leiden müssen.“[3] – Hier springt die verbreitete Auffassung heraus, dass Juden „nur“ in besetzten Gebieten wie der Bukowina und Bessarabien zu Tode gekommen seien.
  • „Es hat sich in Rumänien niemals zugetragen, von dem es heisst es wäre passiert. Es wurden keine Juden getötet.“[4] – Nach allervorsichtigsten Schätzungen für das durch den Wiener Schiedsspruch verkleinerte rumänische Staatsgebiet starben hier 100.000 von knapp 400.000 jüdischen Bürgern, unter rumänischer Besatzung beispielsweise in Transnistrien weitere 150.000.[5] Der umfassend dokumentierte Bericht der -Kommission beziffert die unter rumänischer Verantwortung ermordeten Juden auf bis zu 300.000.[6]
  • „Beim Progrom von Jassy starben 24 Juden.“[7] – Bei dem von langer Hand vorbereiteten Massaker (an dem auch deutsche Wehrmachtsangehörige beteiligt waren) starben mehr als 13.000 Jüdinnen und Juden und damit ein Drittel der jüdischen Bevölkerung.[8]

Auf seine Entschuldigungsversuche will ich nur am Ende verweisen. Hervorzuheben ist aber, dass Şova (nach seinem offensichtlichen Schwerpunkt Wirtschaftsrecht) um 2001 Geschichte in studiert hat,[9] also weit nach dem Zusammenbruch des nationalkommunistischen Regimes.

Seit dem Rumänien im Vorfeld seines Betritts zu EU und NATO 2004 zumindest offiziell den Holocaust im eigenen Lande anerkannt hat, sind etliche Jahre ins Land gegangen. Wie es scheint, haben sich die von der Elie-Wiesel-Kommission dokumentierten Fakten nicht einmal bei Vertretern der jungen Elite eingeprägt. Wenigstens musste der Herr heute seinen Posten räumen und wird sich in Sachen Geschichte wohl fortbilden: Warum er dafür jedoch nach Washington reisen soll, ist mir schleierhaft – in Rumänien hätte er reichlich erfahren können.

 


Genauso gehören Şovas Entschuldigungsversuche zum Standardrepertoire:

  • „Es tut mir leid, dass meine Äußerungen […] falsch verstanden wurden.“[10] – Das ist ja immer so: erst kommt jemand mit der Leugnung (oder anderen antisemitischen, rassistischen etc. Äusserungen) des Wegs daher, um nur wenig später im Tone des Bereuens zu klagen, er sei falsch verstanden worden. No comment.
  • „Was ich […] unterstreichen wollte war, dass die Rumänen sich diese Taten nicht gewünscht haben, sondern dass der unglückliche historische Kontext und die NS-Politik zu diesen Ereignissen führten.“[11] – Nicht „die Rumänen“ sind schuldig, sondern neben den deutschen Nazis ein ominöser unglücklicher Umstand.
  • Inwiefern seine in der Erklärung festgehaltene Anerkennung der Verantwortung des Antonescu-Regimes für den Holocaust in Rumänien tatsächlich Şovas Gedankenwelt entspringt, muss dahin gestellt bleiben. Insgesamt bleiben sein Äusserungen jedoch vage: „Dass jüdische Volk hatte während des Zweiten Weltkrieges enorm zu leiden. Hier geht es um Leiden wie sie kein anderes Volk erdulden musste und die von niemandem negiert werden können.“[12]

[1] http://www.punkto.ro/articles/Nach_Holocaust-Leugnung:_Sozi-Sprecher_Sova_entschuldigt_sich_halbherzig-3774.html: „Nach Holocaust-Leugnung: Sozi-Sprecher Sova entschuldigt sich halbherzig“, 7.3.2012
[2] „Die Juden in Rumänien überlebten auch unter Marschall Antonescu den Holocaust, sie wurden ausschließlich nur unter ungarischer Verwaltung (im Nordwesten des Landes nach Deutschland deportiert und ermordet.“ (Roman, Viorel: Rumänien im Spannungsfeld der Grossmächte (1878 – 1944). Offenbach, 1989, S. 111)
[3] „Pe teritoriul României nici un evreu nu a avut de suferit“ (anonymusgerula.wordpress.com/2012/03/06/dan-sovapurtator-de-vorbe-al-psd-ului-neaga-holocaustul-romanesc/, 7.3.2012)
[4] „Nu s-a petrecut niciodată în România ce se spunea că s-ar fi petrecut. Nu au fost ucişi evreii.“ (www.evz.ro/de talii/stiri/dan-sova-si-traducatorul-sau-victor-ponta-970168.html, 7.3.2012)
[5] Wolloch, Erwin: Die geschichtliche Entwicklung des Staatsangehörigkeitsrechts in Rumänien. Frankfurt am Main, New York, 1988. S. 205
[6] de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Rum%C3%A4nien#Rum.C3.A4nien_und_der_Holocaust, 7.3.2012
[7] „La Pogromul de la Iaşi au murit 24 evrei.“ (anonymusgerula.wordpress.com/2012/03/06/dan-sovapurtator-de-vorbe-al-psd-ului-neaga-holocaustul-romanesc/, 7.3.2012)
[8] ro.wikipedia.org/wiki/Pogromul_de_la_Ia%C8%99i, 7.3.2012
[9] www.senat.ro/FisaSenator.aspx?ParlamentarID=a3acc9f6-8f38-401a-b038-fed80f0a352b, 7.3.2012
[10] „Regret daca afirmatiile mele de la postul The Money Channel au fost gresit intelese.“ (http://blog.dansova.ro/?p=451, 7.3.2012)
[11] „Ceea ce am incercat sa subliniez in emisiune a fost ideea ca romanii nu si-au dorit aceste lucruri, ci contextul istoric nefericit si politica nazista au fost cele care au determinat acele evenimente.“ (ibd.)
[12] „Poporul evreu a avut enorm de suferit in cel de-al Doilea Razboi Mondial. Este vorba de suferinte pe care nu le-a mai indurat niciun alt popor, si care nu pot fi negate de nimeni.“ (ibd.)

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