Goldfieber in Rumänien: Das verfluchte Gold

In Siebenbürgen will eine kanadische Firma die grösste Goldmine Europas erstellen. Vier Berge sollen abgetragen und tausend Familien umgesiedelt werden. Das lassen sich nicht alle bieten. 350 Familien wollen Rosia Montana im Westen Rumäniens auf keinen Fall verlassen.


'Besitz der Rosia Montana Gold' vs. 'Historisches Denkmal'Himmel und Hölle haben die 350 Familien in Bewegung gesetzt, um ihr Dorf zu retten. Sie wollen Rosia Montana im siebenbürgischen Apuseni-Gebirge im Westen Rumäniens auf keinen Fall verlassen. Insgesamt fast tausend Familien droht die Umsiedlung, falls die Pläne für die grösste Goldmine Europas auch tatsächlich umgesetzt werden. Die 350 Familien, die meisten von ihnen Bauern und Bäuerinnen, haben sich im Verein Alburnus Maior – so lautet der lateinische Name der alten römischen Siedlung nahe des heutigen Rosia Montana – zusammengeschlossen und die grösste Umweltkampagne Rumäniens in Gang gebracht. Sie wehren sich gegen die Umsiedlung, gegen drohende Umweltschäden, gegen die Zerstörung der archäologischen Stätten aus der Römerzeit und auch gegen die Zerstörung von Naturdenkmälern. Tausende Unterschriften wurden in Rumänien für ein Referendum gesammelt. Eine mobile Ausstellung klärte über die ökologischen und sozialen Folgen des Goldabbaus auf. Fast eine halbe Million Menschen in Rumänien unterzeichneten Petitionen gegen die Mine und schickten sie an Parlament, Regierung und Kirchen. Die Unterstützung ist gewaltig, der Erfolg ungewiss.

In dieser Gemeinde wurden wir immer verschont: War Krieg – wurden wir verschont. Gab es Erdbeben – wurden wir verschont. Uns fehlt es hier nicht an Wasser. Wir haben keine Probleme mit Überschwemmungen. Warum soll ich hier weggehen? Das ist das eine – und das andere: Wenn sie mich, was weiss ich, woandershin, in ein Hochhaus oder so etwas schicken – wovon soll ich leben? Wie soll ich die Miete zahlen? Ich kann gerade von einem Tag zum anderen leben mit meiner Rente von knapp 30 Euro.

Geringe Kosten, maximaler Gewinn
1997 kam die kanadische Gabriel Resources Ltd. nach Rosia Montana. Gemeinsam mit der staatlichen rumänischen Bergbaufirma Minvest Deva gründete sie die Rosia Corporation (RMGC). Gabriel Resources ist an der Börse von Toronto notiert und wurde von dem aus Rumänien stammenden Frank Timis gegründet. Derzeit hält die Firma achtzig Prozent an der RMGC. Dem rumänischen Staat soll aus der Mine lediglich ein Gewinnanteil von zwei Prozent zukommen. In den Bergen von Rosia Montana versprechen sich die Spezialisten ein Goldvorkommen von insgesamt 200 Tonnen Gold und etwa achtmal so viel Silber. Dafür müssen jedoch bis zu 150 Millionen Tonnen Erz bewegt werden.
Das Vorhaben ist gigantisch. Vier Berge sollen abgetragen, das Erz aus den entstehenden Kratern mithilfe von Zyanid ausgewaschen werden. Diese Methode verspricht aufgrund geringer Kosten maximalen Gewinn. Zugleich ist sie in hohem Masse umweltschädigend. Die Behandlung des zurückbleibenden Giftmülls gestaltet sich schwierig. Deshalb wird der Abfall in riesigen künstlichen Seen gelagert. Für Rosia Montana ist ein Becken von rund 400 Hektaren Oberfläche und einem Volumen von 250 Millionen Kubikmetern geplant, um die angepeilte Jahresmenge von 5000 Tonnen Zyanid aufnehmen zu können. Ein Damm von fast 200 Metern Höhe wäre dann der einzige Schutz vor einer Katastrophe, wie sie vor nur knapp drei Jahren – ebenfalls in Rumänien – Wirklichkeit wurde und die das Leben in der Theiss bis nach Belgrad hinunter auslöschte.
Das Unglück von Baia Mare, rund 170 Kilometer nordöstlich von Rosia Montana, löste laut der Umweltorganisation Greenpeace «eine der schlimmsten Flusskatastrophen» in Europa aus. Am 31. Januar 2000 brach der Damm eines Zyanidstaubeckens. Es dauerte ganze drei Tage, bis er wieder geschlossen wurde. Etwa 100 Tonnen zyanidbelastete Abwässer flossen damals in einer giftigen durch Rumänien, und Serbien. Noch im Mündungsgebiet der Donau, nach fast 2000 Flusskilometern, wurden die Zyanidgrenzwerte deutlich überschritten. Baia Mare mag das verheerendste Unglück seiner Art gewesen sein, doch gab es in den Folgemonaten mindestens ein halbes Dutzend ähnlicher Unfälle. In der Nachbarschaft von Rosia Montana kam es 1998 zu einem vergleichbaren Unglück, das tausende Hektaren Ackerland langfristig schädigte. Die schon bestehenden Goldminen im Apuseni-Gebirge zählen laut Greenpeace zu den «vierzig bis sechzig extrem gefährdeten Regionen mit massiven Grenzwertüberschreitungen, Störfällen und Katastrophenrisiken», deren Schliessung rein rechtlich überfällig sei.

«Hör zu, Bürgermeister», hab ich gesagt. «Leg dein Amt nieder! Hier auf diesen Tisch! Du bist so hinterhältig! Hast gesagt, du hältst mit uns. Aber kaum drehen wir dir den Rücken zu, schon hältst du es mit den anderen.» Er antwortete, dass er mit ihnen zusammenarbeiten müsse. Und dann: «Weisst du was? Du wirst schon aus deinem Haus rausgehen. Und wenn ich kommen muss, um dich zu holen.» Ich habe nur geantwortet: «Trau dich nur und komm!»

Börsianer raten ab
Die RMGC hat mittlerweile einige Schlappen einstecken müssen. Die Weltbank hat sich nach Protesten von Umweltgruppen aus dem Projekt zurückgezogen. Der Firma entging damit ein Kredit von 100 Millionen Dollar. Hoffnungen, dies durch private Investoren wettmachen zu können, haben sich praktisch zerschlagen. Inzwischen raten selbst Goldmarkt-Insider vom Kauf der Gabriel-Aktien ab und empfehlen, die Wertpapiere «wegen der unkalkulierbaren Risiken nicht zurückzukaufen». Das alles hat die RMGC aber nicht aufhalten können. Sie hat in Rosia Montana ein «Bürgerinformationszentrum» einrichten lassen und versucht, EinwohnerInnen und Gäste von den positiven Effekten für die Region zu überzeugen. Dazu zählen neben den finanziellen Argumenten die Hoffnungen auf neue Arbeitsplätze. Auch haben erste Umsiedlungen bereits begonnen, obwohl die Anhörungen zur Sozial- und Umweltverträglichkeitslizenz, die Voraussetzung für die Erteilung der Betriebsbewilligung sind, erst diesen Herbst stattfinden.
Bis jetzt hat die RMGC schon mehr als 250 Häuser im erworben oder Vorverkaufsverträge abgeschlossen. Blaue Schilder markieren ihren Besitz, oft neben einem Symbol, welches das Gebäude als historisch wertvoll auszeichnet. Die Firma versucht, die Menschen mit Geld zum Verlassen ihrer Wohnungen, Häuser oder Läden zu bewegen, mit Summen, die weit über dem rumänischen Standard liegen.
Der Allgemeinmediziner hat sich bereits überzeugen lassen und seine Praxis geschlossen. Im Dorf munkelt man, er habe 30000 Dollar erhalten. Nun sind 1800 Menschen ohne ärztliche Grundversorgung. Wenn Geld nicht zum Ziel führt und sobald sie im Besitz der endgültigen Betriebsbewilligung ist, will die Rosia Montana Gold Corporation die Widerwilligen zwangsumsiedeln lassen. Die RMGC macht den DorfbewohnerInnen das Leben jetzt schon schwer. Die Firma hat begonnen, die Seen um Rosia Montana aufzukaufen, die die Wasserversorgung des Viehs sicherstellen. Die Wasserleitungen der Gemeinde kontrolliert die Firma mittlerweile auch. Bezeichnend für diese Vorgänge, so die Alburnus-Maior-Aktivistin Stefania Simion, sei der Verkauf von Gemeindeland wie etwa der Allmend gewesen: «Das Rathaus meldete dafür eine öffentliche Auktion an. Bedingung für die Teilnahme war der Besitz einer Bergbaulizenz. Über eine solche verfügt nur die Rosia Montana Gold Corporation. Schliesslich war sie die einzige Bieterin.»

Dann kamen sie, um die Wohnung zu messen, wie sie das bereits bei den anderen gemacht haben. Sie kamen und sagten: «Wir sind geschickt worden.» – «Ja», sagte ich, «ich weiss, dass ihr für viel Geld geschickt worden seid. Aber schaut, ich bin nicht einverstanden mit dem Umzug.» Und damit habe ich das Gespräch beendet.

Die Regierung interveniert
Ein neuer Hoffnungsschimmer sich zu Beginn des Sommers auf. Rumäniens Premierminister Adrian Nastase erklärte, die Regierung unterstütze den Bau der Mine nicht. Die Mine verursache soziales Leid und ökologische Schäden, so Nastase. Als die Rosia Montana Gold Corporation Anfang Juli einen Parlamentsbericht zu ihren Gunsten auslegte, intervenierte Nastase nochmals. «Ein Teil der Regierung hat realisiert, dass es sich bei der Mine um ein illegales und absurdes Projekt handelt», sagt Stefania Simion. Wieder einmal sackten die Aktienkurse der Gabriel Resources an der Börse von Toronto ab. «Die Firma Gabriel hat stets und ständig beteuert, die Unterstützung von Regierung und Einwohnern zu haben. Für die Anleger waren die Statements aus ein Schock.» Stefania Simion und viele andere aus Rosia Montana hoffen nun, dass Nastase bei seinem Wort bleibt und zumindest die Umsiedlungen stoppt.
Der rumänische Maler Valentin Costin bewirbt derzeit europaweit die Idee einer Künstlerkolonie in Rosia Montana. «Das soll kein Sommerurlaub werden, sondern eine ständige Präsenz», betont er. In Deutschland hat das Europäische Bürgerforum eine Aktion lanciert, um den Kampf gegen die Mine mit Protestbriefen zu unterstützen. Für den Erfolg der Kampagne von Alburnus Maior ist solch internationale Unterstützung essenziell. Denn im Oktober beginnen die öffentlichen Anhörungen zur Sozial- und Umweltverträglichkeitslizenz, die für einen legalen Fortgang der Umsiedlungen notwendig sind. Die Bukarester Behörden wollen danach über die Betriebsgenehmigung entscheiden. Rosia Montana Gold Corporation wird dann nochmals die PR-Maschine auf Hochtouren bringen. Aber auch die Mitglieder von Alburnus Maior und ihre Familien wissen um die Bedeutung der Anhörungen und wollen nichts unversucht lassen. So wird die 76-jährige Margit Buran dann wieder ihre Stimme erheben – wie sie es schon oft getan hat, direkt und mit all ihrer Kraft:

In Bukarest habe ich auch gesprochen, weisst du das? Stefania hatte mir Mut gemacht, aber ich sollte es kurz machen. Also habe ich zu denen gesprochen: «Ich heisse Margit Buran. In Rosia bin ich geboren, in Rosia will ich sterben. Und ich will neben meinen Eltern, meinen Grosseltern, meinen Brüdern, meinem einzigen Kind und meinem Ehemann begraben werden. Also werde ich nicht umziehen; und solange ich noch am Leben bin, möchte ich frische Luft atmen, keinen Staub.» – Ich habe nur die Wahrheit gesagt.

Informationen: www.rosiamontana.org
Eine Vorlage für die Protestbriefaktion des Europäischen BürgerInnenforums findet sich auf www.forumcivique.org
Wer sich für die Künstlerdorfidee interessiert, kann sich an Valentin Costin wenden – Telefon +49.722.469151 oder E-Mail valentin.costin@web.de

[So abgedruckt am 18.9.2003 in der WOZ…] [Der Protestbrief des Bürgerforums] [Mehr zum Thema auf dieser Site]

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