Geburt des neuen Rumänien?

Rumänische Zivilgesellschaft formiert sich – auch Kirchen zeigen Flagge

Es gibt ein sinnvolles Ziel für die Gesellschaften,auf das hin sie sich entwickeln. Jede Revolution ist Ausdruck einer nicht assistierten oder resistierten Evolution auf dieses Ziel hin. Das sind Worte des Philosophen, Arztes, Bergbauingenieurs und Philosophen Franz von Baader (1765-1841), den ich notgedrungen aus dem Gedächtnis zitiere. (Seine uns Heutigen fremde Wortwahl unterstützt mein Gedächtnis, um nicht in dieser Tradition zu sagen: hilft ihm auf). Gut, er lebte im Zeitalter der Romantik!Könnte er dennoch mit seiner These den Puls der Zeit fühlen? Ich mußte in jüngerer Zeit oft an ihn denken. Wieso? Durch Begegnung mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten:

An vier Sonntagen im Spätsommer nahm unsere Familie in drei Generationen an Demonstrationen in Hermannstadt/Sibiu zur Rettung der rumänischen Kultur, für die Natur des Landes und für seine Dörfer teil. Wir waren Gäste und willkommen. Es geht immer noch um das Gebiet von Rosia Montana in den Westkarpaten, im sogenannten Erzgebirge. Hier will der kanadische Konzern Gabriel Resources (mit des rumänischen Staates) in zwei Jahrzehnten 300 t zu je 1,3 g in einer Tonne Gestein und 600 t Silber heraussprengen und mit giftigem Zyanid herauswaschen. Dazu müssen allein vier Berge abgetragen werden (weitere Informationen auf www.cotaru.com).Seit zwölf Jahren wehren sich Menschen dagegen. Ihnen ist bewußt, daß die entlassenen Bergarbeiter Arbeitsplätze benötigen werden. Viele Bewohner von Rosia Montana sind müde geworden oder der Konzernpropaganda erlegen und haben ihren Besitz an die Corporation verkauft. 2013 hat sich der Konflikt zwischen industriellen Goldschürfern und dem Menschenrecht auf Heimat verschärft, verursacht durch Drohungen des Konzerns mit Strafprozessen und durch regierungsamtliche Vorgehensweisen zwischen Scharlatanerie und Korruption (Aufmacher Allgemeine Deutsche für Rumänien/ADZ 11.9.2013 : Premier Ponta: „Goldförderungsprojekt Rosioa Montana ist vom Tisch – und damit basta!“ Der selbe Ort und gleiche Stelle am 13.9.2013: Ponta: Investitionsmäßig darf Rumänien nicht blockiert bleiben.Premier räumt ausländischen Druck gegen Energieprojekte ein). Zu alledem gibt es Gerüchte, alte oder neue oder recycelte. Manche so abenteuerlich, daß sie stimmen könnten. Oder was sollen Frau und Mann von der Straße denken, wenn ein früherer Militärstaatsanwalt Anfang Oktober d.J. erklärt, die Genehmigung des Goldabbaus sei nach Meinung der entscheidend für den NATO-Beitritt Rumäniens und dann die hochkarätige Konferenz der NATO-Geheimdienstchefs bereits vom Juni 2002 als von Gabriel Resources gesponsert enttarnt wird ? So immerhin der investigative Marius Oprea auf einem Blog: orlandobalas.wordpress.com/2013/ 10/26/tara-lui-david (Auszug in deutscher Übersetzung s. www.cotaru.com).

Am ersten Sonntag feierten wir den Gottesdienst inmitten einer Dorfgemeinde. Der Pfarrer legte Jakobs Traum von der Himmelsleiter mit dem „Ich bin bei dir“ für uns existentiell aus voller Bezüge zu Zachäus vom Zoll, Maria Magdalena und zum verlorenen Sohn. Der sechsjährige Noah wurde ebenso angesprochen wie wir Älteren, die wir schon schon von Demonstrationen in Bukarest, Rosia Montana, Cluj und anderswo gehört hatten. Die Unruhe der Landbewohner war noch zusätzlich verstärkt worden, weil in jüngster Zeit unangemeldet und rechtswidrig Firmenarbeiter mit schwerer Technik zu Probebohrungen in siebenbürgische Gehöfte eindrangen, um nach Schiefergas zu suchen, das in 3000 m Tiefe vorkommen könnte, also Vorarbeiten für „Fracking“ leisteten (vgl. Peter Knobloch, Gassondierungen in Südsiebenbürgen. Grundbesitzer wehren sich: ADZ 24.8.2013). Die genannten Orte lagen für unsere Teilnahme zu entfernt von unserem Dorf. Aber bereits am Wochenende hatte es Konsultationen per Facebook gegeben und schließlich rief ein rumänischer Blogger für den Sonntagnachmittag zu einem Flashmob in Hermannstadt/Sibiu auf. Realistische Optimisten rechneten mit etwa 100 Teilnehmern. Ab 17.00 Uhr wuchs der Kreis auf dem Großen Ring/Piata Mare vor dem imposanten Rathaus auf rund 500 Personen an, die meisten zwischen Anfang zwanzig und vierzig, darunter auffallend viele Frauen. Ein genervter Polizeioffizier der Rathauswache zog sich zurück, als ihm Auszüge des Gesetzes über die Rechtmäßigkeit von unangemeldeten politischen Kundgebungen vor öffentlichen Gebäuden schriftlich zur Kenntnis gegeben worden waren. Aus den Einsatzwagen im Hintergrund wurde die Kundgebung nicht ohne Sympathie beobachtet. In der Menge wurde das Manifest der „Ländlichen Bürgerbewegung“ verlesen. Kernsatz: Sucht Kontakt mit euren Parlamentsabgeordneten, damit sie gegen die geplanten kultur- und naturfeindlichen Gesetze stimmen! Dann umkreiste die Demonstration die riesige Piata Mare. In der Mitte dieses Platzes befand sich ausgerechnet eine opulente Mercedes-Ausstellung. Aber es gab keinerlei Berührung zwischen diesen beiden Welten von Umwelt und PS. Dagegen schlossen sich Eltern mit Kinderwagen spontan an. Greise Spaziergänger zeigten ihre Sympathie mit den skandierten Losungen: Gemeinsam retten wir Rosia Montana! und immer wieder, was alle hier ganz dicht menschlich und politisch anstiftet, geografisch weit, weit entfernt von den Problemen in Rosia Montana: Solidarität! Oder sarkastisch: Gold für den Konzern, Profit für die Aktionäre, Zyanid für Rosia Montana! (Selbstverständlich auf Rumänisch.) Inzwischen zogen ein Trommler, Geiger und Flötenspieler voran – in der ersten Reihe einmal eine bunte solidarische Gesellschaft: Rumänen jedes Alters, 2 1/2 Roma, Siebenbürgener und eine Ausländerin. Und das wechselte. Beim zweiten Umzug wurde sogar die Werbung der Mercedes-Ausstellung übertönt. Als eine ergraute Demostrantin in den Kreis trat und wütend schrie: „Präsident Basescu hat Rumänien verkauft!“, wurde dieser Ruf nicht aufgenommen. Die Mehrheit war nicht an parteipolitischer oder personeller Zuspitzung interessiert. Wohl sind einzelne Politiker verantwortlich, aber insgesamt produziert ein politischer Kapitalismus in Rumänien diesen Irrsinn. Es ist das System, in dem Konzessionen und Korruption parteiübergreifend wirken durch Volksverdummung aus einer Mischung von großmäuligen Versprechen und kleinlauten Rückziehern auf Zeit.

Am 1.September spricht sich Kilian Dörr, Stadtpfarrer von Hermannstadt, im Gottesdienst der St.-Johannis-Kirche öffentlich gegen Verkauf und Zerstörung des Landes aus. Hinter ihm steht mindestens der Umweltkreis, der von der Stadtpfarrgemeinde getragen wird. Später liegen vor der Kirche Unterschriftenlisten aus, und die Verwaltungsleiterin sorgt für den korrekten Ablauf der Aktion. Als ich mich mit Dank von Dörr verabschiede, antwortet er: „Wir müssen noch viel schärfer reagieren.“ Das wird er auch noch tun in seiner offenen, den Menschen zugewandten Art.Er bittet den Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien (EKA.B.), Reinhart Guib, den Appell der Ländlichen Bürgerinitiative für die Rettung der dörflichen Kulturlandschaft zu unterstützen. Ungewöhnlich schnell erklären der Bischof und der Hauptanwalt der Kirche, Friedrich Gunesch, per e-mail der Initiativgruppe, daß sie als legale Vertreter ihrer Kirche das Manifest vorbehaltlos unterstützen.

Die solidarische Vernetzung wirkt konstruktiv: Die Reformierten erklären ihre Mitwirkung, und eines Abends in der Woche kündigen sich von weitem neue Teilnehmer mit Liedern an: Eine rumänisch-orthodoxe Gemeinde wallfahrtet herbei mit strengen Mönchspriestern an der Spitze. Sie beteiligt sich an dem mit Chorgesang und Ikonenglanz.So stimmen sie auf ihre Weise ein in die Liturgie der engagierten Besorgten und Betroffenen. In Bukarest haben bei 20.000 Demonstranten ein machtpolitisches Tabu gebrochen: Aufgrund von Masse und Willen sind sie von den Bürgersteigen auf die Fahrbahn getreten! In Sibiu/Hermannstadt lassen sich 2000 Personen voller Bescheidenheit noch von der Polizei durch Unterführungen geleiten.

Am Morgen des 8.9. hat Kilian Dörr über Glaube wie ein Senfkorn gepredigt und was der vermag. Die Beseitigung der vier Berge im Erzgebirge drücke nicht Glaubensdynamik aus, sondern Hochmut und Zerstörung. Die Demonstration auf der Piata Mare am Nachmittag ist von dem allseits geschätzen rumäniendeutschen Bürgermeister Klaus Johannis untersagt worden. Ein Töpfermarkt hat die Mercedes-Ausstellung abgelöst. Es sind nicht alle Keramik-Liebhaber wie ich, die dennoch kommen. Bekannte Siebenbürger Sachsen aus dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien werden durch ihre Beteiligung an diesem Tage auch demonstrativ: So nicht! Eine schmerzliche Erfahrung der weitergehenden Entwicklung, die der Primar machen muß. Da hat er wohl selbst etwas zerdeppert. Diese gebildeten jungen Leute mit ihren älteren Sympathisanten sind beileibe keine Elefanten im Keramikladen. Es bleibt alles heil, und wieder berühren sich zwei Welten überhaupt nicht.

Am 15.9. werden Schulanfänger und Lehrerschaft in der Johanniskirche einzeln gesegnet. Am nächsten Tag ist Schulbeginn. Auch unser Erstklässler begibt sich zaghaft zum Altar und entdeckt voller Freude eine etwas ältere Freundin. Der ehemalige Landrat, ein Mathematiklehrer, gehört ebenso zu den Gesegneten.Die Gemeinde insgesamt stellt sich zum Schluß wie immer unter den Aaronitischen Segen. Solchermaßen gestärkt, ziehen wir nachmittags wieder zur Piata Mare. Mir fallen neue Transparente auf : Rosia Montana – die Revolution unserer Generation! Einige wissen, daß es an diesem Tag eine Überraschung geben wird. Als wir auf der sogenannten Lügenbrücke stehen, sehen wir sie: Ein Banner von 4X3 m mit dem Logo der Bewegung für Rosia Montana leuchtet vom Turm der Stadtpfarrkirche mit der Inschrift: Vereint retten wir Rosia Montana. Angesichts dieser doppelten Botschaft von Auftrag und Verbundenheit rufen die Menschen spontan und doch wie mit einer Stimme: Dies ist die Lügenbrücke, die Brücke ihrer Lügen! Ich zähle in dem langgezogenen Zug einmal sieben rumänische Nationalfahnen – die Rettung von Kultur und Umwelt ist ein globales Anliegen, aber nicht antipatriotisch.Deswegen wird auch strahlend und mit hinreißender Begeisterung ein siebenbürgisches Heimatlied auf Rumänisch gesungen. Inzwischen wird öffentlich gefordert, die Regierung solle zurücktreten. Die überregionale freie Presse verschweigt diese Vorgänge im Lande. Sie berichtet über die Kontroverse wegen der Tötung von streunenden Hunden in Bukarest und immerhin von regierungsfeindlichen Demonstrationen in – Bulgarien. Die lokalen Zeitungen verhalten sich offen kooperativ. Das Schweigen in Deutschland läßt sich am freundlichsten mit Wahlkampf erklären.

Es ist nicht 1989. Es ist alles anders. Die alten Eliten bleiben außen vor. Sie sind durchschaut als renditeorientierte Politikdarsteller. Die Gefährlichkeit ihrer Trickserei ist bekannt. Anfang 2012 waren es in Sibiu kleine Gruppen, die Neuwahlen forderten. Jetzt ist die jugendliche Öffentlichkeit einer städtischen Mittelschicht ganz anders mobilisiert. Gemäß dem bekannten Internet-Lexikon handelt es sich um eine soziale Bewegung, die viele Kreise umfaßt: Studierende, Lehrer, Theologen, Umweltaktivisten, Künstler, Ingenieure, pensionierte und arbeitslose Menschen, darunter Konservative, Libertäre, Sozialisten, Antikapitalisten, Nationalisten, Anhänger von Verschwörungstheorien (en.Wikipedia.org: 2013 Romanian Protests Against The Rosia Montana Projekt) und die hier vergessenen Frauen, immer wieder Frauen, junge und alte, Hausfrauen, Managerinnen, Geschäftsfrauen. Ein Kolumnist hat in der Zeitung „Evenimentul Zilei“ (17.9.2013) den Eltern der jungen Demonstrierenden vorgeworfen, ihren Kindern keine pro-kapitalistische Weltsicht vermittelt zu haben. So attraktiv war und ist diese Ideologie eben auch in ihrem balkanischen Design nicht. Hier zeigen sich nicht „Poeten des 19.Jahrhunderts“, die die Industrie verteufeln, was der ehemalige Präsident Ion Iliescu behauptet, und Hipster sind es auch nicht, wie manchmal freundlich, manchmal bissig gesagt wird. Die rumänische Zivilgesellschaft entwickelt sich jedenfalls. Keine charismatischen Führergestalten. Es ist ja nicht wie damals in Polen,aber auch nicht wie damals in der DDR. Die rumänische Zivilgesellschaft geht ihren originären Weg und meldet sich zu Wort zwischen Facebook und Straße. Sogar die EKA.B. hat sich in Teilen deutlich auf die Gesamtgesellschaft zubewegt. Es liegt noch ein weiter Weg vor den jungen Mutigen und ihren alten Sympathisanten. Vermutlich ist es sogar verfrüht, von der Geburt des neuen Rumänien zu sprechen.Neun Monate vor Weihnachten soll Maria die Geburt Jesu angekündigt worden sein. In manchen Kalendern gibt es diesen Hinweis auf „Marien Verkündigung“, also genitivus obiectivus: 25.März. Politisch hätten wir es mit „Rumäniens Verkündigung“ zu tun, der Ankündigung der kommenden Zivilgesellschaft. Wie gesagt, dabei geht es nicht um neun Monate. Die nachhaltige Unterstützung dieser Evolution ist dran. Woran auch Franz von Baader erinnern mag, der alte Romantiker.

, Rostock

 

Aus: STADTGESPRÄCHE /Rostock Dezember 2013

 

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