Europa in Siebenbürgen – Konversation und Verhör der Kulturen: Eginald Schlattner (*13.9.1933), Dichter in Europa

„Was ist ein ‚Kotzen’?“, frage ich die sonntägliche Kaffeerunde vor der Sommerküche auf dem Hof von Sophia Schneider, der 75-jährigen Bäuerin, Witwe die Hälfte ihres Lebens. Das Wort findet sich mehrfach in Eginald Schlattners Roman „Rote Handschuhe“ von 2001 (dtv 2003), und gerade hatte in der „Hermannstädter Zeitung“ gestanden, dass auf einem bekannten Jahrmarkt die Kotzenhändler ihre Stände aufbauen würden. Ohne Rücksicht auf das siebenbürgische Deutsch das fremde Wort ausgesprochen, konnte es mir von keinem Einheimischen erklärt werden. „Aber Eginald Schlattner gebraucht dieses Wort oft.“ Auf diesen Hinweis reagiert Thomas Drotleff, Bruder von Tante Sophia, Bauer und Kurator der Kirchenburg in Holzmengen/Hosman/Holcmány, knochentrocken: „Ja, wenn Sie’s vom Schlattner gehört haben, mag das sein. Der gebraucht viele Wörter.“ Ein Marburger Musikstudent, der mit seiner Freundin zur Kaffeerunde ebenso wie im Sommer angereiste Geschwister und Kinder aus Deutschland gehört, hat schon einmal früher nach dem Wort im Lexikon gesucht: Es ist eine Pferdedecke. Das also ist die Schlafstatt im Gefängnis für den Protagonisten aus Schlattners Roman!

90% der Sachsen haben das Dorf 1990 verlassen in Richtung Deutschland. Jetzt kommen sie im Sommer oft zu Besuch (wie die Schwalben, sagen manche und verwenden diesen schmerzlichen Scherznamen für ihre Gäste). Interessierte Besucher, Durchreisende aus den Nachbarländern, schauen fast täglich vorbei, einzelne kommen ganz wieder und wenn man von ihnen erzählt, wird gefragt: „Haben Sie’s gehört oder ihn selbst gesehen?“.
Rumänen sind sie alle, die Deutschen von hier, die anderen Rumänen aus dem Dorf sind in der Runde nicht vertreten: keine Ungarn, keine Rumänen, keine Zigeuner (wie sie sich hier meistens selbst bezeichnen).

Schlattner lebt 30 km von unserem Kaffeetisch in Roşia/Rothberg/Veresmart. Er ist anwesend mit seinen Wörtern und Geschichten mitten unter uns. Nicht, dass er von allen gelesen worden wäre, seine Geschichten aber haben sich ganz eigen auch in die persönliche Lebensgeschichte eingegraben. Sie sind von einem Stamm und haben eine Geschichte aus tausend Erzählungen. Die massenhaften Deportationen nach Russland ab 1945[1] und den Exodus nach 1989, als die Freiheit nicht genug hergab für das Bleiben nach 800 Jahren, hat hier keiner vergessen[2]. Da zählt auch einer wie Schlattner doppelt. Wenn der Glöckner von St. Paul in Holzmengen, Erich Gross, etwas Gutes sagen kann und will über eine Predigt, dann sagt er z. B.: „So predigt sonst nur noch der Schlattner aus Rothberg.“Es gibt genug Sorgen und Fragen in Rumänien, und das gilt für alle Völker dieses Landes. Da bleibt für Literatur kaum Platz, aber wo sie das Leben trifft, da hat sie ihren Platz. Als wir an der Hofmauer stehen, ins Dorf und in die Sonne blinzeln und ich einen jungen Elektriker frage, ob er Schlattner kennt, kneift unser Freund seine Augen leicht zu und erwidert: „Das ist der Pfarrer, der sich um meinen Cousin im Gefängnis kümmert.“ Sich kümmern um die Gefangenen, das ist ein Auftrag, den der Siebzigjährige nach der Rente übernommen hat. Darum ist er noch kein „Gefängniskaplan“, wie Andrzej Stasiuk aus seiner polnischen Sozialisation heraus geschrieben hat.[3] Das wäre in diesem besonderen Fall vielleicht auch etwas zuwenig der Ehre, und vor allem wird die Pluralität der Kulturen aus Unwissenheit eingeebnet. Der Rothberger hat es gern genau und wird unwirsch, wenn Gefangene ihn belügen. „Alles konnte er vertragen, aber das nicht“, sagt einer, der es wissen muss. Schlattner ist eben doch nicht bloß der „Zeuge des Unheils“, wie Kristina Maid-Zinke in einem gleichnamigen Geburtstagsartikel schreibt.[4]

IM NETZ DER VERHÖRE

Im Gefängnis ist Schlattner selbst umgedreht worden, vom Staatsfeind zum Staatsmitarbeiter. Er hatte angefangen, evangelische Theologie zu studieren in Cluj/Klausenburg und war vom Vereinigten Protestantischen Theologischen Institut mit Universitätsrang exmatrikuliert worden wegen eines leichtfüßigen Lebenswandels, den er in den „Roten Handschuhen“ auch nicht beschönigt. Er studierte danach Mathematik und Hydrologie. Seine Neigung zur Belletristik lebt er in einem studentischen Literaturzirkel aus. Die Diskussionen in diesem Kreis führen zur Verurteilung wegen „Nichtanzeige von Hochverrat“. Neben dem Leben der verschiedenen Kulturen und den Zusammenkünften der Studierenden gehören die Einzelverhöre durch die zu dem Schwergewicht des Romans. Die monatelangen Vernehmungen mit ihren Fiktionen, Repressionen, Heucheleien und Gewalttätigkeiten gehören in der Literatur zum Bedrückendsten seit Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“. Der Inhaftierte verinnerlicht die Verleumdungen und Vorwürfe so sehr, dass er an einen Punkt gelangt, an dem er sich schuldig fühlt, kein Kommunist zu sein. Aus seiner politischen Konversion wird Denunziation. Sein Prozess führt zur Verurteilung weiterer Studierender und Schriftsteller.

Der Leser quält sich durch die endlosen Wiederholungen der Verhöre und Gehirnwäsche. Hier zählt wohl nicht die literarische Rasanz, sondern die literarische Selbstauslieferung des Verräters. Die Verratenen haben ihm nie verziehen.[5] Der Roman ist sein Bekenntnis und seine Selbstdemütigung. Nach der Haft wird er Ziegeleiarbeiter, später Ingenieur, bis er 1973 abermals Theologie studiert. Seit 1978 ist er Pastor in Roşia/Rothberg. Mit diesem Roman war er schlagartig in der europäischen Literatur präsent. Die Widmung, die dieser gescheiterte Erfolgreiche dem Buch vorausstellt, lautet: „Für Susanna Dorothea Ohnweiler, die damals, achtzehnjährig, den Mut und die Liebe hatte, trotz allem meine Frau zu werden.“ Von der Tiefe seines geistlichen Einsatzes (1978-1999) zeugen ausschnittsweise einige Anmerkungen zur Biographie eines Weggefährten.[6]

„DER BULIBASCHA DER BINDNERISCHEN ZIGEUNER, DER WEISS ES GEWISS.“

So unzutreffend der Vergleich von Koestlers „Sonnenfinsternis“ mit Schlattners zweitem Roman sein mag, so weltenfern ist auch die Verwandtschaft zwischen den „Buddenbrooks“ und dem „Geköpften Hahn“ von 1998 (dtv 2001, 2 Auflage). Allein schon das Milieu! Zwar gehoben mittelständisch, aber die Randständigen nicht bloß 1848 einmal devot aufsässig wie vorm Herrn Senator in Lübeck, sondern allerlei Volks und Zigeuner immer vor der Tür oder am Fluss. Das beginnt schon mit dem Titel. Der Hahn ohne Kopf wird von der ungarischen Hausmeisterin auf einem Fensterbrett des elterlichen Hauses des Protagonisten gefunden, in dessen Festräumen die bürgerliche Jugend ein Fest zum Schulschluss feiert, den zu frühen Ausklang einer kurzen Jugend, die von Krieg und Verrat bedroht wird: „(…) [D]er Bulibascha der Binderischen Zigeuner, der weiß es gewiss: Ein geköpfter Hahn zieht böse Geister ins Haus, der Kopf aber allein, ans Tor genagelt, der hält sie ab. Hier aber fehlt gerade der segensreiche Kopf“ (S. 456 f.). Es ist just der 23. August 1944, an dem Rumäniens König Michael I. als Verbündeter der Deutschen die Partner wechselt, mit den Alliierten einen Waffenstillstand abschließen will und den Conducator Antonescu als Gefährten Hitlers verhaften lässt: „Der deutsche Botschafter, Manfred Freiherr von Killinger, war eben von der Gemsenjagd in den Karpaten zurückgekehrt – ahnungslos. Stehenden Fußes suchte er beim König um eine Audienz an, die ihm zu später Stunde gewährt wurde, und forderte die sofortige Freilassung des Conducators: ’Andernfalls, Majestät, werde ich Rumänien in ein Blutbad verwandeln. Ich bin so frei.’ Wieder in der deutschen Botschaft, schoss sich der Freiherr eine Kugel in den Kopf. Die Ärzte befanden: Exitus letalis.“(S. 517 f.)[7] So offiziell ereignet sich Politik in dieser Familiensaga selten, meistens wirkt sie informell in das gesellschaftliche Gefüge hinein, agiert in Onkel und Tanten, unter Heranwachsenden, in der wackligen Balance der sozialen Klassen, in der fragilen Kultur des Zusammenlebens von Rumänen, Ungarn, Deutschen, Juden und Zigeunern. In dieser Verwobenheit lässt sich nicht ausmachen, ob der zitierte Exitus, der ganz am Ende des Romans steht, sich speziell auf den Tod der deutschen Minderheit beziehen lässt. Ein Hauch von Vergänglichkeit streift jedenfalls die gesamte transsilvanische Multikulturalität. Denn „Exitus“ ist auch das allererste Wort des Romans. Zwischen diesen beiden Erwähnungen des Untergangs wird der Tanztee der jungen Leute gefeiert, begegnen uns Nationalisten aller in Fogarasch versammelten Völker, Zivilisten, Offiziere und ihre Burschen, rasche Lieben und immerwährende Gleichgültigkeiten, Flüchtende, Versteckte und Evakuierte. Theatrum mundi transsilvanum. Diesen Roman kann man sich als filmisches Gemälde vorstellen, ein polit-kulturelles Gemälde – so wie einst Lampedusas „Der Leopard“ verfilmt worden ist, nicht in dem dortigen atemberaubend langen Sequenzen, sondern kleinteilig und auf diese Weise ebenfalls groß und hinreißend, kleinteilig-siebenbürgisch eben und darin auch deutsch und rumänisch.

„DIE VERGASS SICH.“

Wer heute in Schlattners Land reist, möchte gern seinen Satz über eine Liebesbeziehung für die Beschreibung der Entdeckung Siebenbürgens wiederholen, wenn diese Entfremdung erlaubt wäre: „Die Zeit vergaß sich.“ (Rote Handschuhe, S. 602). Hier ist Geschichte wuchtig und morbide, wüst und filigran. Die Ursprünge der deutschen Besiedlung liegen trotz anderer Legendenbildung in Jahrhunderten doch im Dunkel oder in einem anderen Licht, als deutscher Nationalismus es gern hätte.[8] Die klassische Ansiedlungstheorie für die Siebenbürger Sachsen liest sich als eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des süddeutschen Bauerntums in Südosteuropa: Aufbruch der Bauernsöhne zur Landnahme. Legendäre Züge sind unübersehbar und tun der deutschen Minderheit im alten und neuen Rumänien gut. Noch besser bekommt ihr aber die kritische Analyse der eigenen Geschichte und das am besten auch noch durch eigene Leute. Horst Klusch nimmt den Historikerstaubsauger und pustet die Staubschichten weg. Was er an siebenbürgischer Historie und an Widersprüchen zu ihrer Begründung freilegt, bewertet er beherzt und frisch. Es leuchtet als Theorie ein, über die gestritten werden kann und diskutiert wird. Wer der traditionellen Geschichtsinterpretation anhängt, muss sich angegriffen fühlen: „Die neue Theorie beruht auf den durch zahlreiche Dokumente belegten Tatsachen, dass 1096 über 10.000 deutsche und wallonische Bauernfamilien, die an dem Bauernkreuzzug des Peter von Amiens teilgenommen hatten, bei Nisch (50 km südlich der Donau) von byzantinischen Söldnern am Weitermarsch nach Konstantinopel gehindert worden waren und historisch außer Kontrolle gerieten. Es spricht vieles für die Annahme, dass diese Bauern im folgenden Winter die Donau überschritten, am Südhang der Karpaten entsprechende Siedlungsgebiete fanden und sich dem von der römischen Kirche betreuten Bischofssitz von Milkow (Vrancea-Gebiet) kirchlich unterordneten.
n die im Süden der Karpaten möglicherweise siedelnden Deutschen an dem Feldzug Geysas II. gegen den byzantinischen Kaiser Manuel teil und, da sie sich von den Kumanen arg bedrängt fühlten, folgten sie der Einladung Geysas II. und übersiedelten nach Siebenbürgen. Der Altdurchbruch war dafür der kürzeste Weg (im Winter auch mit Wagen und Schlitten passierbar). Sie siedelten in den später als Schenker, Leschkircher und Hermannstädter Stuhl bezeichneten Gebieten, fühlten sich aber der Milkower Diözese bis ins 15. Jahrhundert weiterhin verbunden.“ (26)

Demnach also landlose Bauern, Kreuzzügler und Abenteurer aus einem deutschen Reich, zu dem eben auch Luxemburger und Wallonen gehörten, als Gefahr für Stadt und Land – Belgrad plünderten sie – mit verständlicher Sehnsucht nach Land – heiligem, gelobtem, vor allem bewirtschaftbarem. Byzanz drängte sie ab und vergessen waren sie: „historisch außer Kontrolle“. Bis Horst Klusch kam, der sie mit seiner Theorie wieder einfing. Die Luxemburger heute immerhin sanieren an der Hermannstädter Lügenbrücke im historischen Zentrum ein barockes Bürgerhaus, bleiben ihren Auswanderern verbunden und überlassen deren Nachkommen das Gebäude: Der Großherzog selbst kommt Ende März 2004 und zeigt luxemburgische Gegenwart wie sonst kaum in Europa, während auf dem Transeuropäischen Korridor von Skandinavien bis zur Türkei die Schwerlaster durch die Stadt hinwegrasen. Historisch aber alles in allem mehr Bezüge etwa zur australischen Staatswerdung als zur Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft. So klingt das theoretische Programm denn auch entsprechend aus: „Die harten Lebensbedingungen bei der Urbarmachung des Bodens südlich und nördlich der Karpaten werden vermutlich den zusammengerotteten Haufen von verarmten Adligen und Bauern einer natürlichen Auslese unterzogen haben, so dass von den Kreuzfahrern und Pilgern eine größere Zahl arbeitssamer Siedler übriggeblieben sind, deren Nachkommen in den folgenden 900 Jahren, um ihre Kirche geschart, Sprache, Sitte und Brauch uns erhalten konnten.“ (49 ff.) Aber sie sind alle gegangen – am 29.6.2002 beim Peter- und Paul-Fest erzählte mir eine Landfrau aus Marpod: „Wir Sachsen mussten viel leiden. Aber durch die Revolution bekamen wir auch Rechte; denn die Rumänen schätzen unseren Fleiß und unsere Ordnung. Wären sie geblieben, wären wir heute was! Aber sie sind alle gegangen.“

So sterben womöglich deutsche Legenden gleich zweimal. Aber die Menschen, die ich in 2 Sommern diesseits der Karpaten und jenseits der Legenden getroffen habe, leben mit der Geschichte von damals, mit ihrer theoretischen und vor allem praktischen Dekonstruktion und gehen durch die Mühen endloser Ebenen. Ein illusionsloser Optimist lud zu einem alten siebenbürgischen Brauch ein, alle, Rumänen, Ungarn und Siebenbürger „Sachsen“: „Kommt, macht mit! Hier braucht ihr kein Sachsenzertifikat.“ Das könnte die Freundlichkeit der legendenlosen Zeiten sein in Transsilvanien – und selber Stoff für neue Legenden. Die jüngere Geschichte ist nur zu verstehen, wenn neben Unterdrückung und Deportation auch der Nationalismus der Deutschen 1933-1945 nicht verdrängt wird.[9] Die schon unter den Bundeskanzlern Schmidt und Kohl als Familienzusammenführung betriebene Auswanderungspolitik war nicht die einzige Möglichkeit des Überlebens, die unter den Siebenbürger Sachsen diskutiert wurde.[10] In dieser ambivalenten Geschichte eines kleinen u. noch kleiner gewordenen Volkes lebt u. webt Schlattner seine Literatur u. macht Geschichte anschaulich. Der Horizont ihrer Lektüre wird sich erweitern, wenn im Herbst 2004 sein dritter Roman vorliegt: „Das Klavier im Nebel“.
gste Geschichte ist überhaupt noch nicht verarbeitet und Schlattner gerade erst ins Rumänische übersetzt. Susanne Brandstätters Filmrecherche „Schach­matt. Strategie einer Revolution“ (Erstausstrahlung 25.02.04 auf arte) zeigt die Zusammenarbeit zwischen altneuem Regime und westlichen Geheimdiensten. Den Volksaufstand von 1989 charakterisieren in diesem Film westliche Sicherheitsdienstler als eine Mischung aus interner Revolte im Palast und semispontaner Revolte auf der Straße.[11] Übrigens sprach Weihnachten 1989 auch der langjährige deutschstämmige Ministerpräsident (1966-1974) Johann Georg Maurer im rumänischen Fernsehen zur Beruhigung der Bevölkerung, offenbar mit Blick auf seine Minderheit.

Es gibt keinen , mit oder ohne Schlattner die Perspektiven für Siebenbürgen euphorisch zu sehen. Alle Völker Siebenbürgens verlieren aufgrund der Wirtschaftslage immer noch Menschen durch Ausreise. Die Siebenbürger kämpfen zudem immer noch um die Rückgabe enteigneten Besitzes.[12] Schlattner sieht die Zukunft seiner eigenen Leute skeptisch. Seine Stimme verdient allen Respekt. Sie ist aber nicht die einzige. Es fühlen sich mehr und mehr Deutsche nach Siebenbürgen hingezogen, um in den dortigen bescheidenen Verhältnissen zu bleiben. Auf einen Schlattner-Artikel von Andrea Strunk mit dem Titel „Ein Mann, der allein im Wind lebt“ (Freitag, 12.12.2003) reagierte ein neuer Siebenbürgener mit einem Leserbrief: „Herr Schlattner erzählt und leidet sein Leben. Doch lebt er nicht allein im Wind, sondern ist eine – wenn auch kräftige – Stimme unter vielen in Siebenbürgen. Dieses Land aber lassen viele gern aus der Zeit fallen und damit am Rande unserer Zeit in einem dunklen Märchenwald stehen. Schlattners Werke sind aber so stark, weil sie authentisch sind und Vergangenes bearbeiten. Die Gegenwart in Rumänien ist schwer, ebenso die Neudefinition der rumäniendeutschen Bevölkerung: beides jedoch ist nicht von apokalyptischem Charakter. Das Trauma einer auf Promille geschrumpften Ethnie ist ernst zu nehmen, doch macht diese nicht den Geist Siebenbürgens aus. Andere Themen stehen auf der Tagesordnung. Viele jüngere, gebliebene Rumäniendeutsche vor allem, wissen ganz gut, sich in den Verhältnissen zu positionieren und in die rumänische Gesellschaft einzubringen. Das bedeutet vor allem Offenheit bis an die Grenze des Verträglichen – das ist ein Experiment, von dem auch Rumänien profitiert.“[13]
ner, der freundliche Patriarch seiner im Dorf, ist eine tägliche Hoffnung für diese Fremden im eigenen Land.[14] Kann er selber in den Rückkehrern und Neuankömmlingen samt Gebliebenen eine Hoffnung für die Zukunft sehen? Er lebt in seiner Geschichte und seinen Geschichten, die groß und abgründig sind. Ein einziges Leben wie das seine kann vielleicht gar nicht ausreichen, in den Neuanfängen Lebenskeime zu sehen, wie die jungen Leute sie in ihren Ebenen des Alltags bei ihren kleinen Erfolgen spüren, die, die im „Publik-Forum“ ihre Wollsocken aus Viscri bei Brasov anbieten; andere, die sich freuen, das Sommerpalais Samuel von Brukenthals in Freck/Avrig namens der Evangelischen Kirche sachte zu sanieren und zu beleben[15]; eine Wandergruppe gastfreundlich durch das Land geleiten und sich wünschen, dass im Dorfladen eingekauft wird; die mit einer Konfirmanden-Freizeit einen festlichen Gottesdienst unerwartet anders feiern…, und alle die sehen Leben, die fremd in das Land kommen und vom langen Atem der Hoffnung inspiriert werden und darüber erzählen müssen. Vermutlich wird aus dem allen und der europäischen Neuorientierung der Reisebüros ein – nicht unproblematischer – Touristenstrom werden.Was fasziniert in, mit und unter diesen Problemen an Siebenbürgen/Rumänien?

EUROPÄISCHE KRIECHSTRÖME: „ZURUCK!“ + „GRATIS“?

Ich will es für mich auf einen einzigen Punkt bringen: Mich fasziniert der jahrhundertealte Pluralismus – die hier so oft genannten Völker sind alle in einem Dorf vertreten. Sie kommen verträglich miteinander aus, ohne multikulturelle Musterschüler zu sein. Jede Kultur lebt für sich. Paradoxerweise werden sie sich füreinander öffnen müssen, wenn sie ihre Identität bewähren und so bewahren wollen. In der außerordentlich traditionellen Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A.B.) mit dem Verlust von 90 % ihrer Gemeindeglieder gibt es z. B. starke Bemühungen, sich zu öffnen. Bischof Christoph Klein wirbt dafür, „dass unsere Kirche zukünftig in Offenheit u. entschlossen auf das Umfeld u. die Gesellschaft eingehen u. einwirken soll.“[16] Im 2003 hat er zum Semesterabschluss des Theologischen Instituts in Sibiu/Hermannstadt erklärt, die Evangelische Kirche A.B. habe sich zu lange auf Traditionen u. Institutionen konzentriert, es gehe jetzt um die Person Christi u. die Personen im Lande. Anders sprach Luther auch nicht. Die Öffnung zeigt sich sowohl in praktischer Hilfe als auch in der Bereitschaft zur Zweisprachigkeit. Andererseits werden viele orthodoxe Rumänen angezogen durch deutschsprachige Gymnasien. Das wiederum führt zu vermehrten Anmeldungen zum Konfirmandenunterricht. Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche strebt an, wieder Staatskirche wie vor 1944 zu werden. Ihre Angehörigen auf den Dörfern werden von amerikanischen Sektenpredigern umworben, was die Orthodoxie als theologische u. soziale Herausforderung erkennen müsste.[17] Denn der Druck der internationalen Banken u. Corporationen auf das Land ist enorm.sup[18]
istorische, aktuelle und perspektivische Nähe der Kulturen macht Siebenbürgen zu einem Raum, in dem Europa liegt. In den Zwei- oder Dreifachbenennungen von Städten und Dörfern sind hier mehrere europäische Nationen anwesend.[19] Thomas Rietzschel irrt, wenn er behauptet, Schlattners Rothberg heiße heute rumänisch Roşia; denn die Orte heißen immer so, wie die Völkerschaften jeweils sie in ihrer Sprache nennen.[20] Der Politologe Karl Schlögel hat auch noch auf eine andere Erfahrung hingewiesen, die von alten Kursbüchern belegt wird: Europäische Zugverbindungen waren oft vor dem II. Weltkrieg schneller als heute. Wir waren uns schon einmal näher in Europa! Diese ambulante Nähe zeigt sich in Siebenbürgen als stationäres Phänomen: Die Nationen, die irgendwann in der EU zusammen kommen sollen, sind in Transsilvanien längst beieinander. Dabei spielt die Präsenz der Zigeuner in Europa trotz ihrer Quantität kaum eine Rolle, und wenn, vorwiegend als Objekt von Repression. In Rumänien vermag sich der Blick auf dieses Volk zu weiten, weil der Betrachter Vielgestaltigkeit der Stämme und Sippen entdecken kann. Irgendwann wird jemand auch von den berühmten evangelischen Roma in Weilau/Uila/Vajola erzählen, die mit 186 Personen 92 % der Kirchgemeinde bilden, nach dem Exodus der Deutschen die Kirche schützten und renovierten, aber bei der Wiedereinweihung durch Bischof Klein nicht entdeckt werden konnten, weil sie so unauffällig waren.sup[21] Es ist schwer vorstellbar, dass das durch ganz Europa wandernde Volk im Namen der Globalisierung als einziges definitiv in jeweiligen Staatsgrenzen festgehalten werden kann. „Zuruck!" hatten die deutschen Grenzer am Übergang nach Frankreich zu dem aus Polen kommenden Clan einer jungen Frau gesagt, die vom Dorf mit uns in die Stadt fuhr, um ihren einbehaltenen Pass abzuholen. Auf die Frage, wer denn den Rückflug von Deutschland nach Polen für den Clan bezahlt habe, antwortete sie strahlend: „Gratis.“ Auf Dauer wird es nicht mit „zuruck!" und „gratis“ gehen. Zwar gibt es bis jetzt keine erkennbare Struktur, innerhalb derer diese Ethnie ihre Mobilität durchsetzten könnte. Aber es existieren seit ewigen Zeiten die europäischen „Kriechströme“, die trotz neuer Grenzen fließen und mit denen europäische Wanderschaften unaufhaltsam sind. Grenzräume sind immer auch Transferlandschaften.
erdrückte zigane Energie ist im 2004 in der Slowakei gegen die Reduzierung der Sozialhilfe im Interesse des EU-Beitritts explodiert: Die größten Polizeieinsätze seit 1989 mussten organisiert werden.[22]

Stasiuk moniert, dass Landkarten nie Ortsnamen in Romani enthalten: „Ich glaube, die Zigeuner sind daran am wenigsten interessiert. Ihre Geografie ist beweglich und ungreifbar. Gut möglich, dass sie unsere überlebt.“[23] Zusammen mit der von Schlattners europäischen Sachsen.

Anmerkungen

[1] Vgl. den posthum veröffentlichten Roman von Erwin Wittstock, Januar ´45 oder Die höhere Pflicht, Bukarest 2002 2. Auflage.

href=“#_ednref2″ name=“_edn2″>[2]< ![endif]> Vgl. Herwart Schumann, Dort nicht zu Hause: Zugänge. Heft 15, Juli 1994 7f. u. weitere Beiträge dort.

[3] A. Stasiuk, Die Kinder von Jacobeni: Süddeutsche Zeitung (SZ) 8./9.11.03 VII.

href=“#_ednref4″ name=“_edn4″>[4]< ![endif]> K. Maid-Zinke: SZ 13.9.03 14.

[5] Andrea Strunk, Gottes Differentialgleichung: Neues Deutschland (ND) 13./14. 02 18. Vgl. Filozoful tradarii: Romania Libera 2.2.03 1.3.

href=“#_ednref6″ name=“_edn6″>[6]< ![endif]> E. Schlattner, Kaleidoskop einer Freundschaft: Zugänge. Heft 25, Dez. 2000 58-66.

[7] Der Siebenbürgen familiär verbundene Fritz Klein, Drinnen und draussen. Ein Historiker in der DDR. Erinnerungen, Frankfurt a. M. 2000 306 berichtet über die hohe Bewertung des Seitenwechsels durch rumänische Historiker.

href=“#_ednref8″ name=“_edn8″>[8]< ![endif]> Horst Klusch, Zur Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen, Bukarest/Klausenburg 2001. Seitenangaben im Text beziehen sich hierauf.

[9] F. Klein, a.a.O. 71 über seine Ferien in Siebenbürgen 1938 u. 1939: „Es waren jedes Mal wundervolle Wochen – auch wenn wir uns in manchen Gesprächen wunderten über Töne blinder Begeisterung für das ‚Grosse’, das sich im verklärten Reich ereignete.“ Vgl. zum bürgerlichen Nationalpathos auch a.a.O. 20 f.; für die 30er Jahre u. 40er Jahre a.a.O. 56. Über die Zeit nach 1945 heißt es bei Klein, a.a.O. 309 f. zusammenfassend: „Über die Jahre war ich (…) Zeuge einer anscheinend unaufhaltsamen Auflösung, eines Ausrinnens der Existenz des Volkes, dem ich mich verbunden fühlte. Dass die alten Formen einer bäuerlich geprägten, vorindustriellen Gesellschaft keinen Bestand haben würden in der Zeit einer entwickelten Industriegesellschaft schien mir sicher. Vieles hätte sich ändern müssen, was den überwiegend konservativ eingestellten Sachsen gewiss nicht leichtgefallen wäre. Die völkische Abgeschlossenheit der Vergangenheit konnte keinen Bestand mehr haben. Veränderung aber hätte nicht notwendig Auflösung u. Untergang bedeuten müssen. Dass der Zwang dazu ausgerechnet von einer unter ‚sozialistisch’ firmierenden Ordnung ausging, vertiefte meine Distanz zu der Politik, die ich gewählt hatte.“

href=“#_ednref10″ name=“_edn10″>[10]< ![endif]> Vgl. Gerhard Möckel, „Bleiben“. Zur Frage unserer Identität u. unserer Zukunft (1971): Ders., Fatum oder Datum, München 1997 55-68

11 Vgl. Harold James, Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914-2001, München 2004 416 ff.

12 Klaus Johannis, Wahlen u. Restitutionsfrage: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien 19.3.04 3.

13 Joachim Cotaru, Ernst zu nehmen: Freitag 16.1.04. 10.

14 Vgl. A. Strunk (Anm. 5).

15 Grit Friedrich, Plädiert für viele kleine Schritte: Hermannstädter Zeitung 12.3.04 3.

16 II. Verhandlungsbericht über die Sitzung des Landeskonsistoriums vom 4.4.03: Landeskirchliche Information Nr. 9 /15.5.03 5.

17 Vgl. Jürgen Henkel, Gesellschaft u. Kirche in Rumänien nach 1989: Südeuropa Mitteilungen 2003, Heft 6 42f. 50.

18 A.a.O. 45; Joachim Cotaru, Das verfluchte Gold: Die Wochenzeitung (Zürich) 18.9.03 15, wo über die beabsichtige Zerstörung einer durch eine rumänisch-kanadische Goldminengesellschaft u. den Kampf der Bevölkerung für ihre Heimat berichtet wird. Henkel, a.a.O. 43 f. resümiert: „Das Land ist heute mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die es vor der Revolution schlicht nicht gab. Hohe Arbeitslosigkeit ganzer Regionen (und das ohne soziale Absicherung wie in Deutschland), Armutsprostitution in großem Umfang, Auswanderung junger Eliten, Zusammenbruch selbst rentabler Betriebe, nachdem der Ostmarkt zusammengebrochen ist, Renten um die 25 Euro, Preisexplosionen und eine Zunahme an Kriminalität und Gewaltbereitschaft. Die Menschen wollten Freiheit, nun haben sie Armut und Inflation im Land. Früher hatten sie Geld und konnten dafür nichts kaufen. Auf Autos mussten sie jahrelang warten. Heute gibt es alles, aber die breite Bevölkerung kann es sich nicht leisten. Heute kostet Telefonieren, kosten Lebensmittel wie Kaffee und andere Konsumgüter oft deutlich mehr als in Deutschland und anderen westlichen Ländern. Gas- und Strompreise sind für die Durchschnittslöhne und Renten in astronomische Höhe gestiegen. Viele Eltern können ihren Kindern keine Schulbücher kaufen. Und auch die medizinische Versorgung ist katastrophal. Sterben ist billiger, als krank zu werden. Eine Zweiklassengesellschaft ist entstanden. Der gesunde Mittelstand fehlt völlig. Es gibt fast nur Superreiche und Arme.“

19 Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit, München/Wien 2003 227.

20 Vgl. Th. Rietzschel, Bürgerlichkeit durch die Hintertür. Zum 70. Geburtstag des rumänien-deutschen Erzählers Eginald Schlattner: FAZ 13.9.03 36.

21 Joachim Krauß, Bestätigt die Ausnahme die Regel? Stereotypen vom ‚Zigeuner’ u. soziale Wirklichkeit: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 23. (94.) Jg. (2000), Heft 2 228-236, hier 228.

22 Jaroslav Polivka, Aufruhr der Roma: ND 25.2.04 7; vgl. auch Jaqueline Hénard, Die Westerweiterung der Angst: Frankfurter Allgemeine Zeitung 4.3.04 42; Christian Schmidt-Häuer, Die Kellerkinder kommen: Die Zeit 4.3.04 10; Hannes Hofbauer, Hungern für Europa: Konkret, Heft 14, April 2004 36-37. Zur EU-Angleichung in Rumänien generell Elisabeth Schrödter, An den neuen Grenzen von Europa, Berlin 2003 135-140, 194-202.

23 A. Stasiuk (Anm. 3).

Einführungsliteratur

Lucian Boia, Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft. Studia Transsylvanica 30, Köln 2002.

Rajko Djurić u. a., Ohne Heim – ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti, Berlin 1996/2002.

Peter Motzan/Stefan Sienerth (Hgg.), Worte als Gefahr und Gefährdung. Schriftsteller vor Gericht. Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks B 64, München 1993