Erinnern gegen Vergessen: „Ganz unten, ganz oben“ – Der Journalist Manfred Müller ist tot. (akt. 9.12.2004)

„Manfred Müller ist ganz oben oder ganz unten. Dazwischen gibt es nichts“, beschrieb vor einem Jahrzehnt ein Medienmensch seinen Kollegen. Diese Vereinfachung lässt den Akteur ebenso außer acht wie die Ursachen, die in den gesellschaftlichen Widersprüchen und politischen Kabalen liegen, in die der im Krankenhaus von Aue am 19.09.2004 Verstorbene hineinversetzt war.

Manfred Müller wurde am 15.1.1940 in Hannover geboren und wuchs in der Altmark auf. Aus innerer Überzeugung folgte er seinem Vater und trat 1959 in die SED ein. Sein Lebensweg umfasst viele Stationen, an die er sich nicht zuletzt im Zusammenhang mit jeweiligen Parteistrafen begab. Schon 1956-1960 baute er als Bergmann im Mansfelder Land Erz ab. Die Verbindung hierhin ließ er nie abreißen. 1972 hatte er ein Mansfeldbuch begonnen, „es aber nicht in der seinerzeit gewünschten Art schreiben können“, erklärte er bei einem zweiten Anlauf im Sommer 1989. In Halle/Saale studierte Manfred Müller Philosophie bei Reinhard Mocek. Für Jahre fand er seinen Lebensmittelpunkt im Mecklenburg des Strelitzschen Landes. „Lapitz ist ein kleines Dorf auf einem ausgedehnten Endmoränenhügel zwischen Moorwiesen und Seen“, beginnt er 1987 eine Skizze über das Dorf, wohin es ihn verschlagen hatte. Der ausgebildete Philosoph und erfahrene Journalist arbeitet hier im Schweinestall einer LPG. In dieser begegnete er im Umfeld der evangelischen Trägern einer anderen Überlieferung. Der professionelle Leser und Schreiber, der auch gelegentlich am Kulturbund-Sonntag mitwirkte, entdeckte die kirchliche Publizistik als Lektüre für sich, speziell die Mecklenburgische Kirchenzeitung, die ihre Freiheiten erprobte bis zum gelegentlichen Verbot einer . Eine kurze lang rief ihn wieder der Rundfunk in seine Hörspielabteilung nach Berlin.
Aber die damit verbundene Verwaltungsbürokratie verleidete ihm die . Im Sommer 1989 übernahm er sogar die Leitung des Lichtspieltheaters „Apollo“ in Hettstedt/Südharz, der Gegend seiner Jugend. Hier blieb ihm Zeit für ein Buch über Protestanten in der DDR, für das er schon jahrelang recherchiert hatte. Die politischen Angriffe gegen dieses Vorhaben waren von der bekannten ideologischen Art. Als das Buch unter veränderten Bedingungen 1990 beim Mitteldeutschen Verlag erscheinen konnte, waren darin u. a. Porträts von Heinrich Rathke und Lothar de Maiziére, Hansjürgen Schulz und Rudolf Krug versammelt. Was allerdings vor 1989 gewagt, experimentell und letztlich unmöglich war, galt 1990 bereits als Altpapier. Inzwischen ist der schmale Band zu einem publizistischen Fossil mutiert, dass Kunde gibt von einer verschollenen Epoche und von Protestanten, die unter schwierigen Bedingungen ihre Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgaben. Dieser Herbst 1989 brachte Müller nach Leipzig als Landesfunkdirektor von Sachsen. Er war dort der erste frei gewählte Chef. Eine Zeit des Experimentierens mit dem Profil von ungewohnten Sendungen begann. Er erwies sich als die gar nicht geheime, personifizierte Medienkompetenz in der DDR. Er konnte aus dem Stand auf der Medienbörse alert mitbieten, während andere mit ihrem Tross erst anreisen mussten, um dann allerdings mit dem schweren Schleppsäbel ihrer verknöcherten Strukturen auszuführen, was sie ausführen sollten.

Der bayrische Rundfunk-Evaluator Mühlfenzl konfrontierte ihn mit dem Verdacht auf frühere Kontakte mit dem Sicherheitsdienst und kündigte ihm. Von da an lag Manfred Müllers Schwerpunkt in seinem 1992 gegründeten Unternehmen „audioscop“, das Dokumentationen für Fernsehen und Rundfunk produzierte. Ein Feature über die Freie Republik Schwarzenberg/Erzgebirge mit einem Berichtsband gehört dazu mit eigenem Akzent, angesiedelt zwischen Stefan Heym und Volker Braun, mit denen er in der Sache diskutierte. „Onkel Martin“ heißt ein Feature für den WDR, das das mecklenburgische Dorf Alt-Rehse in den Mittelpunkt stellt, wo Martin Bormann und die Reichsführungsschule für NS-Mediziner aktiv waren.

Manfred Müller war den schönen Künsten zugetan und sie ihm. In der sächsisch-böhmischen Grenzregion gehörten Maler und Schriftsteller auf beiden Seiten der Grenze zu seinen Partnern. Er entdeckte diesen kulturellen Knotenpunkt für die Region. Die von ihm initiierten Kulturfeste strahlten in beide Länder aus. Rostock hatte er gern im Blick und manchmal auch die STADTGESPRÄCHE, wenn einmal ein erbetener Artikel von ihm gebracht wurde. Manfred Müller war hochgebildet und machte nichts davon her. Er lebte selbstbewusst und wirkte manchmal wie ein Spieler. Er war kein unbeschriebenes Blatt. Er ist zur Ruhe gekommen. Dorthin haben wir ihn am 10. Dezember geleitet in Oebisfelde an der ehemaligen Grenze, wo er aufwuchs, um dann andere Grenzen einfach zu übergehen. Ein tollkühner Solist, Ritter des Einfalls wird er in einer Würdigung genannt.

Jens Langer

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