Das Gelächter der Deklassierten

Siebenbürgen-Drama, 2. Akt – E. Schlattners „Das Klavier im Nebel“

Um 6.00 Uhr früh am Montag, dem 04. April 2005, schließt Eginald Schlattner in sei-nem Schreibzimmer in Roşia/Rothberg die achte und endgültige Überarbeitung seines Romans „Das Klavier im Nebel“ ab. Im Februar hatte es von dem Buch noch gehei-ßen: „Es liegt in den letzten Zügen, löst sich von mir, wird fremd.“ Er hatte das Manu-skript durch einen Freund an den Verlag von Rumänien nach Wien bringen lassen. Das war vor 4 Jahren, und die letzte Hälfte davon hatte er dem Text immer wieder zugesetzt und dieser ihm. Nun sind es über 500 Seiten geworden. Nach allen damit verbundenen Strapazen schrieb er an jenem Morgen unter sein drittes Buch über Eu-ropa in Siebenbürgen nur noch ein einziges Wort: „Kaputt!“ Bei wiederholtem An-schauen schien es ihm am falschen Platz. „Ich habe es durchgestrichen und wie in alten Zeiten geschrieben SOLI DEO GLORIA“, erzählte er drei Wochen später in sei-nem Haus. Diesen Zusatz strich der Verlag. Schlattner aber nimmt in aller Herrgotts-frühe sich selbst beim Wort, geht zum Hoftor hinaus, das er im Schreibzimmer mittels einer einfachen Spiegelkonstruktion immer im Blick haben kann, und schließt die Kir-che auf, deren Informationstafel er mit dem Hinweis „Vor 1220 – älter als Berlin!“ ver-sehen hat. Eingetreten, legt er die Hände vors Gesicht und spricht: „Mein Herr und Gott, lass mir bitte nichts mehr einfallen zu dem neuen Buch!“

Am 27. August 2005 ist das „Das Klavier im Nebel“ nun der Leserschaft unter die Au-gen gekommen: „ein groteskes Fresko 1944-51 – Rumänien war bis 1948 ein kom-munistisches Königreich, nachher Klassenkampf mit grausamer Heftigkeit, Sommer ’51 Deportation der Banater in den Baragan“, gibt er einem jungen Nachbarn im über-nächsten Dorf selbst die Stichworte zur Historie, in welcher der Roman spielt. Es ist der dritte seines transsilvanischen Dramas und dessen zweiter Akt. Jedes Buch er-schließt sich dem Leser auch unabhängig von den anderen: „Der geköpfte Hahn“ (1998) erzählt von einem einzigen Tag aus, dem 23. August 1944, als König Michael von den deutschen Verbündeten zu den russischen und westlichen Alliierten wechselt, über die kränkelnde Gesellschaft Transsilvaniens samt dem siebenbürgisch-sächsischem Bürgertum deutscher Kultur mittendrin. Hieran schließt nunmehr das neue Buch an. Der abschließende Teil der Trilogie heißt „Rote Handschuhe“ (2001). Ihn hatte Schlattner schon vorher veröffentlicht unter dem Verlangen nach eigener Darstellung seiner Verstrickung in einemn Prozess gegen Schriftsteller (1959). Dieser Schlussband ist ein Buch der Selbstauslieferung und Selbstdemütigung geworden, dessen Stoff unter den Anklagen Betroffener moralisch umstritten bleibt, wenn auch nicht in seinem literarischen Rang.

Die Amerikaner bleiben noch aus

Mit einer Eisenbahnfahrt vom Banat nach Siebenbürgen und zurück verbindet Schlattner die weltpolitischen Erschütterungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit den Katastrophen von Individuen und Familien, Wirtschaftszweigen und Ethnien, ins-besondere der deutschen in einem Rumänien, das den militärpolitischen Seitenwechsel vollzogen hat und spätestens nach der lange vorbereiteten Absetzung des jungen Königs brutal in die Diktatur der rumänischen KP hineingetrieben wird. Die irreale Hoffnung der Opfer aller Restriktionen richtet sich auf die Amerikaner, die kommen und es richten werden. Die Amerikaner aber bleiben noch aus, und als sie über 50 Jahre später im Lande sind, geht das auf eine gänzlich andere und ganz ame-rikanische Interessenlage zurück. In der Wirrnis dieser Umbrüche fährt der Betreiber eines Kinos mit seinen Kindern nach Transsilvanien, um seinen inhaftierten Bruder zu besuchen. Dieser, der Unternehmer Otto Rescher, hatte sich als einziger an die Ab-machung unter Kollegen gehalten, die Abgesandten der Parteikommission zur Enteig-nung der deutschen Unternehmer wegen wirklicher oder unterstellter Nähe zu den „Hitleristen“ mit Fußtritten zu malträtieren: „Ihre Ärsche so spitz, dass ich fast danebengetreten hätte,“ konnte er alsbald seinen Gefährten in der Gefängniszelle be-richten. Er war dem Antagonismus nicht ausgewichen: „Von Klassenkampf träumt ihr? Hier habt ihr ihn!“, hatte er den verunsicherten Funktionären nachgerufen. Clemens Rescher, „Sohn eines enteigneten Kapitalisten und politischen Hooligans“, begleitet den Bruder seines Vaters samt Töchtern und Sohn auf der Reise, die erneut mit den Geschehnissen konfrontiert. Er hat mittlerweile einen anderen Weg genommen. Ver-gangenes und Gegenwärtiges konzentrieren sich in seiner Person. In Ziegelbrennerei und Porzellanfabrik hatte er Schwerstarbeit geleistet und mit der Versetzung in die Geschirrmanufaktur auch Anerkennung gefunden und die Möglichkeit eines Abend-gymnasiums genutzt.

Schufte und Heroen, Funktionäre und Freunde aus allen Ethnien

Was in Europa die kontinentale Umwälzung ausmacht, erweist sich in den Gehöften und Gemächern des alteingesessenen städtischen Bürgertums vordergründig als Auf-stand der Hausangestellten wie Mägde, Diener und Kutscher. Diese denunzieren da-bei nicht allein eigenes und fremdes tumbes Mitläufertum, sondern demaskieren e-benso die Brüchigkeit des bisherigen Gefüges von oben und unten wie auch die Heu-chelei von Treueverhältnissen, die selbst wiederum kontrastiert mit menschlicher Zu-verlässigkeit, die ihrerseits jüngst vergangene Abhängigkeit aufhebt in den Ausdruck freundschaftlicher Humanität und elementaren Großmuts. Es gibt alles, und es ist al-les längst entschieden in den Zentralen weit weg, aber im Augenblick an Ort und Stel-le ist beileibe nicht immer alles schon dogmatisch fixiert. Aus den Expropriateuren bis jetzt werden Expropriierte, und es entsteht eine Klassenmelange, die den Sprengstoff gegen die Exekutoren des vermaledeiten erzwungenen Paradieses in sich birgt und ihnen noch nach Jahrzehnten den Garaus bereiten wird. Das lässt Schlattner in aus-gedehnten erzählerischen Bögen und anhand erregender oder auch kauziger Ge-schichten geschehen, ohne nur den blassesten Eindruck eines „Kurzen Abrisses der Geschichte der KP Rumäniens“ zu vermitteln, ohne sich überhaupt auf diese Organi-sation zu kaprizieren. Er verzichtet auf solche Elemente im Interesse der Menschen, die dieses alles im Für und Wider ihrer Biografien und Eigenheiten nach und nach ausbreiten so farbig wie ihre Herkünfte: Mutige und Herzliche, Rumänen, Ungarn und Juden, Roma, Deutsche und Türken, Agitatoren, Engagierte, Heuchler, Frustrierte, Traumatisierte und Spinner beiderlei Geschlechts auf allen Seiten und Nebenstraßen.

Neben dem Staatsvolk gibt es in Rumänien 19 anerkannte Minderheiten. Schlattner stiftet dem delikaten Beieinander der vielen Völkerschaften ein kulturelles Gedächtnis. Sein Ideal ist die europäische Vielfalt der k. u. k. Monarchie, der Siebenbürgen auch einmal angehörte, und das durchaus im Bewusstsein der Defekte und historischen Narben dieses Vielvölkerstaates. Diese Kultur verbindlicher und doch offener Weite prägt seinen austriophilen Habitus, seinen: des unverwechselbaren deutschen Dich-ters und evangelischen Pastors in Transsilvanien. Je deutlicher dieser kulturelle Reichtum wird, desto härter fällt das Urteil aus beim Betrachten der kulturellen, öko-nomischen, pädagogischen und agrarischen Zerstörungen, die dummer Hass oder verblendete Arroganz und sture Ideologie nach 1944 angerichtet haben. Was ist der Menschenwürde förderlicher, sich gemäß der Überlieferung am Johannistag in Vor-bereitung der Viehweiden für den Austrieb segnen zu lassen oder aus demselben An-lass nach Verbot des Ritus als enteignetes Landproletariat vom Parteibüro einen Ter-min zum Austrieb der Herden diktiert zu bekommen?

Der Widerspruchsgeist gegen die Schikanen artikuliert sich manchmal auf seltsame . Wie schon sein Vater tritt auch Clemens Rescher in Augenblicken der Ernied-rigungen wie David gegen aufgezäumte Goliaths an. Wie er mit seinem Onkel nach dem gescheiterten Haftbesuch dem Sträfling von der Straße aus Informationen mit dem Spiegel zublinkt und sie Antwort erhalten durch die Bilderschrift je neu angeord-neter roter Socken am Zellenfenster, enthält neben dem Widerstandswillen ebenso Komik, die den Akteuren spätestens beim Erzählen nach Jahren befreiendes Lachen schenken wird. Wie die zum Reinigungsdienst gezwungenen Frauen ihre Volkslieder singen, gehört ebenso zum politischen wie poetischen Prozess. Schlattner schreibt solchen Mut nicht in nationaler Engherzigkeit der einen Ethnie zu und verweigert sie der anderen. Vielmehr bescheinigt er verschiedenen Menschen und ihrer Kultur diese dauernde Kraft der Menschenwürde, die das Überleben wieder zum Leben werden lässt. Als zu Einsätzen rekrutierte Frauen vor dem Bild des Parteiführers politisch ver-gattert werden, löst sich unter ihrem zu Übungszwecken befohlenen Beifallsklatschen die Anti-Ikone des heteronomen Stalinkultes aus dem Rahmen, und das Konterfei des Königs Michael erscheint am alten Platz. Die Situation wendet sich völlig; denn nun fallen die Frauen aus dem ideologischen Rahmen: Sie erheben sich ehrfurchtsvoll und singen die Königshymne. Schlattner zählt genau mit: 4 Strophen. Wer das liest, kann schon einmal Sympathie fürs Monarchische fühlen, jedenfalls für diesen Schlattner-schen Moment royalen Protestes, jedenfalls in dieser popular-royalen Form.
Schließlich muss die hochmögende Parteifunktionärin und Außenministerin Anna Pauker zusehen, wie ihr die Leute von einer angeordneten Kundgebung zu einem tra-ditionellen Leichenzug weglaufen, der einem hochangesehenen Mitbürger gilt – auch wenn nur ein Hosenknopf von ihm bestattet werden kann, weil die offizielle Todes-nachricht aus dem Internierungslager nicht mehr von ihm enthielt: Pietät als Protest, makabre Komik in unendlicher Trauer!
Das Gelächter der Deklassierten kommt für die Rache zu früh, zu spät für die Versöh-nung.

Überleben und Leben

Während die alte Dame des Hauses Rescher provokant vor der Klosterkirche ge-wohnt-ungewohnt mit einem Bekannten öffentlich unbehaust ihren Nachmittagskaffee zu sich nimmt und schließlich im eigenen Pferdestall eine neue Unterkunft ausgebaut bekommt, lebt der Enkel in einer Laubhütte auf der Viehweide, wird von rumänischen Hirten ernstgenommen und als Hüter der Herde erwogen. An dem Einsiedler in der Hütte ziehen vertriebene Landsleute vorüber, Enkel mit den Großeltern, die Generati-on dazwischen ist zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion, so euphemistisch wie real als „Aufbauarbeit“ bezeichnet. Später einmal werden die einheimischen Schinder in ei-nem Akt verzweifelten Selbsthelfertums von Clemens der Lächerlichkeit preisgege-ben, indem er sie beim Baden ihrer Kleidung beraubt und ihnen für erhellende Augen-blicke Macht wegnimmt und dem Spott ausliefert. Von seiner Hütte aus wird er ab-kommandiert in den Glutofen einer Ziegelei und ist Teil einer Produktion voller Härte und Korruption, setzt sich mit widerlichen Mitläufern auseinander und erfährt die Soli-darität besonnener Kolleginnen und Kollegen.

Das längste Kapitel handelt von der Liebe zwischen dem proletarisierten Deutschen und der hochsensiblen und ihrer nationalen Kultur innig zugewandten Rumänin Rodi-ca: Unwahrscheinlich und doch ganz der Situation geschuldet, klingt aus den Ställen der Staatsfarm von Seliştat/Seligstadt – heute mit leeren, verfallenden Gebäuden ein verlassenes Vorwerk des sowieso abgelegenen Dorfes – klingt Klaviermusik von Mo-zart und Gershwin: Die aus dem Rhythmus solider Stallwirtschaft gebrachten Kühe werden auf Parteibefehl durch solche Musik beruhigt, um die Milcherträge wieder an die Menge aus den Zeiten der Einzelbauern heranzuführen. Rodica ist die dienstver-pflichtete Pianistin.

Dieses transsilvanische Hohelied ist eine ungewöhnlich starke Liebesgeschichte, langsam, voller Entdeckungen und ausgelassener Möglichkeiten. Eine freie Begeg-nung zwischen zwei Völkern, die es laut den nationalen Überlieferungen nie geben sollte und die es doch immer auch gegeben hat. Diesmal lassen Unentschiedenheit und die tragischen Umstände nur Abschied zurück. Die „Trauer eines Lebens“, wenn man sich auf die Widmung des Autors im Buch beziehen will.
Zu der reichlichen weiblichen Personnage des Romans gehören auch zwei deutsche Frauen, von denen der Protagonist gleichermaßen angezogen wie abgestoßen scheint. Von dem Mädchen Petra trennt er sich früh, zu groß ist der Einfluss der politi-schen Wirrnisse auf die Beziehung beider aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten. Isabella, Enkelin einer alteingesessenen Familie, tritt von Zeit zu Zeit über-raschend in das Leben des Jugendfreundes. Zuletzt lebt sie als junge Lehrerin deut-scher Kinder in einem Dorf. Ihre Vermieterin ist eine skurrile Person voller Widerstän-digkeit gegen den neuen Hausherrn, dem ihr Hof übereignet wurde. Freilich ahnt nie-mand, dass in ihrem Keller ein deutscher Fähnrich verborgen ist, der im Zusammen-spiel Isabella/Clemens außer Landes gebracht werden soll. Clemens kann nur noch beobachten, wie die Operation misslingt. Nach ihrer Verhaftung sendet die Freundin aus vertrautem Milieu und gemeinsamer Kultur ihm ein bitteres „Verräter!“ hinterher. Schuld und Schuldzuweisungen, Abwehr, Eingeständnisse und Unterstellungen we-ben einen düsteren Bilderteppich für Geschichten und Biografien.

Wie der Roman früh einsetzt mit der Austreibung aus den eigenen Häusern, so endet er auch an anderem Ort. Als die Reisegesellschaft der Verwandten in den Banat zu-rückkehrt, erwartet sie dort aufgrund der politischen Spannungen zwischen Rumänien und Titos Jugoslawien Verbannung und Ausweisung aus den eigenen Gehöften. Wäh-rend die einen Nutznießer des Herrschaftswechsels sind, gerieren sich andere als Funktionäre der Weltrevolution. Die einen lassen antreten zum Vollzug der Entwürdi-gung, ausgerechnet der Bulibascha der hingegen gibt hinter dem Rücken der Funktionäre das Zeichen der Freundschaft und Hilfe. Das Klavier, das im Nebel endet, erklingt auf dem Bahnsteig, von dem der Zug in die wüste Steppe des Baragan fährt, als Instrument der Absage an Gemeinheit und Ausdruck für den Willen, sich nicht selbst aufzugeben. Clemens Rescher spielt das Instrument bürgerlicher Kultur im Protest gegen die Schandtäter und die Schande, die Menschen einander antun, als Gruß an die Zukunft für die Wenigen, die zurückbleiben, bis er sich vor den Schüssen der Wächter in die Waggons der Deportierten flüchtet: „Die goldenen Bienen schwan-gen sich in die Lüfte, schwärmten aus, machten sich auf den Weg, den Ort der Gelieb-ten zu erkunden.
Die Lokomotive pfiff. Der Zug ruckte an. Die Räder rollten. Kein Kind zählte die Wa-gen.

Und dann war der Bahnsteig leer. Nebel stieg auf von der Erde. Allein stand das Kla-vier.“

Was sind „Die letzten Dinge“, die diesem Schlusskapitel den Titel geben? Vertreibung und Rache oder Widerspruch dagegen und wilde Hoffnung, unrealistisch und doch real vorhanden?

Die Zukunft vom Rande

Eginald Schlattner enthüllt in seiner siebenbürgischen Provinz wie auf einem Panora-magemälde die Provinz Europa, die dort immer schon lag, vital, beschädigt, margina-lisiert von den europäischen Zentralen. Was anderswo längst auseinandersortiert wor-den ist, liegt hier dicht beieinander. Dieses Europa in Siebenbürgen ist polyglott, mul-tikonfessionell, reich an komplementären Kulturen. Schlattner steht ganz in dieser Geschichte und ist ihr fairer Anwalt ohne Folklore. Gewiss wird im Rest Europas auf-fallen, dass hier einer ohne Künstlichkeit aus dem Sprachbrunnen auch der Bibel schöpft. Hätte er auf die antike Urkunde verzichten sollen? Wer in Schlattners Trans-silvanien lebt, existiert in einer je konkreten Religion, ist also nicht dem westlichen Maßstab dünner Zivilreligiosität unterworfen. Kritiker mögen hier Katechese und an-derswo etwas viel Pädagogik vermuten können, etwa bei den ausführlichen Rezitatio-nen rumänischer und deutscher Dichtung. Aber der Autor versammelt ja nicht die Artefakte einer Bildungsbürgerlichkeit kurz vor Sonnenuntergang im Brukenthal-Museum Hermannstadt/Sibiu. Er bringt vielmehr das poetische Bewusstsein für eine absurde Tragik zusammen mit der Vielfalt der Völker in Stimmen, die das Anfängliche aufnehmen, in welchem die Sprache der Menschen Poesie ist und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz (J. G. Hamann). Andererseits werden Philologen ergründen wollen, ob ein Deutscher in Rumänien des Nachkriegs schon das Wort „Hooligan“ verwendete. Wie die Recherche auch ausgehen mag, selbst mit diesem Sprachgebrauch holt er seine Geschichte und Region ins Präsens. Darum liegt in seiner Rückschau voller Tragik dennoch die hoffnungsgestimmte Vorwegnahme einer menschenwürdigen Zukunft. Schlattner deckt auf, dass diese anscheinend vergessene Region und Kultur unvergesslich in ihrem Eigensinn sind. „Der Osten ist unendlich“, sagt ein Bauer, der in Frankreich von der Bretagne bis Gibraltar zu denken gewohnt war, und nun in Transsilvanien mit der Dimension des Ostens zu tun bekommt („Die Hoffnungsmacher: Aufbruchstimmung in Hermannstadt“, TV-Film von Antonia Schmidt, 03.08.2004 auf arte). Gegen Nationalismus, und Konfessionalismus wird die vielfarbige Verschiedenheit Siebenbürgens ebenso manifest, wie die Quellen für die Inspiration des Autors unübersehbar an das Licht der Literatur treten: die deutsche Sprache und die evangelische Identität. In Schlattners Werk findet die Poetik der Verschiedenheit ihren gewinnenden Ausdruck.

Die Leute aus Sighişoara/Schäßburg, der „Stadt der Verliebten“ (Schlattner), aus dem vieltürmigen Sibiu/Hermannstadt und der aufmüpfigen Großstadt Temesvar/Temesch, aus den abgeschiedenen Dörfern von Sophia Tonca, geb. Schieb, und Eugen Caiar, von Luiza Boldizsár, Alin Deju und Thomas Krauss liefert Schlattner auch in diesem Teil seiner Trilogie nicht ans Gewesene aus, sondern geht mit ihnen um auf einem südöstlichen Zipfel dieser Unendlichkeit, wo Europa immer schon war und doch meint, zuerst einmal überhaupt dorthin kommen zu müssen. Diese jahrhundertalte Offenheit der Provinz ist eine Grenzenlosigkeit weiter als Karl Schlögels heitere Ent-deckung „Die Mitte liegt ostwärts“. Ob das zentrale Europa das begreifen kann? Denn hier, wo Europa immer schon war, liegt für ein auf EU und sich selbstblockierende Demokratien fixiertes Europa seine vielleicht letzte kulturelle Chance.

Dr. theol. habil. Langer
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Tel.: 0381 / 200 28 77

Eginald Schlattner, Das Klavier im Nebel. Zsolnay Verlag: Wien 2005, 521 Seiten