Am Tage des Staatsakts für Richard von Weizsäcker

„Bundesarchiv Bild 146-1991-039-11, Richard v. Weizsäcker“ von Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1991-039-11,_Richard_v._Weizs%C3%A4cker.jpg#mediaviewer/File:Bundesarchiv_Bild_146-1991-039-11,_Richard_v._Weizs%C3%A4cker.jpg
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Als nach kam, war ich siebzehn. Wenige Wochen zuvor nahm ich am Neujahrsempfang des Bundespräsidenten in Bonn teil: Die Einladung dazu halte ich heute noch für ein freundlich-vorsätzliches Büroversehen. Es war die Zeit nach dem Pogrom von -, als die Ordnungsmacht willig versagt hatte und zum Totschlag auf das Asylrecht ausholte. Zum 30.1. 1993 – was für ein Jubiläum! – kam Richie nun nach Rostock zu einer Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit, zu den jungen Leuten, wie er sagte, die ihn eingeladen hatten.

Mir bleibt, bei aller Staatsferne, dieser Mann in Erinnerung mit einer anekdotenhaften Begegnung. Weizsäcker hatte seine Teilnahme als Privatperson zugesagt. Die Organisator*innen im Umfeld der Rostocker Kirchengemeinden mussten sich wortstark gegenüber der Schweriner Staatskanzlei unter dem Tierarzt Bernd Seite abgrenzen. Die Landesoberen wollte aufgrund des Kommens von Weizsäcker die Organisation der Lichterkette in ihre Hände nehmen. Die Rostocker*innen verbaten sich das vehement.

Auch als Privatmensch kam der Bundespräsident mit dem Helikopter und landete im Volksstadion. Dort sollten ihn Studentenpfarrer Karl-Matthias Siegert und ich empfangen. Siegert kam per Rad, ich per pedes – und standen vor den Rotorblättern etwas unbeholfen herum als auch noch der aus der Türkei stammende Präsidentenchauffeur vorfuhr. Während der ganz unformalen Begrüssung bogen etliche Karossen auf das Gelände: Seite kam mit provinzieller Staatskarosse und der Bundespräsident sah sich genötigt, das Weite zu suchen. „Fahren Sie mit mir?“, hiess es; ich bejahte und stieg zu ihm in den Fonds. Stille zwischen Fragen zur Lage in der Neonazistadt, während wir in die Stadt fuhren. Nur in der August-Bebel-Strasse, als sich vor dem Abzweig zur Schwaanschen die Fahrt verlangsamte, drehte sich Weizsäcker um und sah die Schweriner aufholen. „So ein Blödmann“, höre ich ihn in ironisch-verächtlichem Ton noch sagen.

Weizsäcker hat für Normalität gesorgt, als er den 8. Mai 1945 zum Tag der Befreiung ins deutsche Bewusstsein zu deklinieren versuchte. Das Asylrecht rettete er nicht. Teil des Systems, das er war, meldete er sich mit für dieses noch verträglicher Kritik und Vision zu Wort. Das war in kritischen Zeiten wie den heutigen. Er bleibt damit in seiner moderaten Konservativität Beispiel für alle nachfolgenden Amtsinhaber.

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